Inhaltsverzeichnis: Das
göttliche Leben - über die Enthaltsamkeit
Aus dem Leben Swami Chidanandas Warum Enthaltsamkeit? Das Konzept der 4 Lebensstadien (Ashramas) Ein kurzer Einblick in die Tantrapraxis Der gewöhnliche und der tantrische Orgasmus Was sagte Buddha zur Enthaltsamkeit? Was sagte Jesus bzw. die Bibel zur Enthaltsamkeit? Brahmacharya Sadhana Frauen und Enthaltsamkeit? Die enthaltsam lebenden Dani aus Neuguinea Brahmacharya für Jungen und Mädchen No sex, no drugs - but rock'n roll? Die Praxis des Brahmacharya Frauen und das Zölibat
Das göttliche Leben - über die Enthaltsamkeit Top
Der Sivananda Ashram, der damals nur aus einigen wenigen Gebäuden bestand, liegt am Ufer des Ganges am Fuße des Himalaya bei Rishikesh in Indien. In dieser Phase seines Lebens bestanden die Aktivitäten Swami Chidanandas unter anderem aus dem Halten von Vorträgen, der Betreuung von Gästen im Ashram und dem Dienst an Kranken. Das war der Beginn seines späteren, lebenslangen Bemühens um die Leprakranken. Ende 1959 wurde er von Swami Sivananda auf eine zwei Jahre dauernde Vortragsreise um die ganze Welt geschickt. Nach dem Tod Swami Sivanandas 1963 wurde er schließlich dessen Nachfolger als Präsident der Divine Life Society. Seither ist das Leben von Swami Chidananda geprägt von beinahe ununterbrochenem Reisen, sowohl in Indien als auch im Ausland, im Dienste des zentralen Anliegens der Divine Life Society: Verbreitung von spirituellem Wissen. Als Andrew Cohen aus Australien anrief und uns fragte, ob wir ein Interview mit Swami Chidananda über die Rolle der Enthaltsamkeit im spirituellen Leben machen könnten, war unsere erste Reaktion: "Wann wird Swamiji jemals Zeit dafür haben?" Unsere zweite Reaktion war allerdings: Wenn es irgend jemanden auf der Welt gibt, der ein praktisches Verständnis von Enthaltsamkeit hat, dann ist es Swamiji, und deshalb sollten wir um das Interview bitten. Als Swamiji also einige Tage später zu den fünf Tage dauernden Feiern anläßlich Navaratri (Fest zu Ehren Ramas und Durgas) in den Ashram zurückkam, wurde ihm unser schriftliches Ansuchen übergeben. An diesem Abend wandte er sich nach dem Satsang (Zusammensein mit einem spirituellen Lehrer) an mich und sagte, dass es ihm zwar unmöglich wäre, in den nächsten Tagen Zeit zu finden, dass wir ihn aber, wenn wir die Mühe nicht scheuten, in zwei Wochen an einem Ort in der Nähe von Delhi treffen könnten. Es handelte sich um ein neues Haus auf dem Land, das man ihn gebeten hatte, offiziell zu eröffnen und einzuweihen, wo wir dann einige Tage verbringen könnten. Wir stimmten begeistert zu. So kam es, dass wir Ende Oktober vier volle Tage lang nicht nur ein wenig informelle Zeit mit ihm verbringen konnten, sondern es uns auch noch gelang, fünf Stunden Gespräch zum Thema aufzunehmen. Das Interview sollte am späteren Vormittag des ersten Tages beginnen, aber Swamiji war zu müde, und so sahen wir ihn zum ersten Mal, als er sich uns bei Sonnenuntergang zu einem Spaziergang anschloss. Als wir so langsam die Landstraße entlanggingen, kamen wir an einem Torwächter vorbei. Swamiji blieb stehen und sprach fünfzehn Minuten mit ihm. Wir verstanden kaum etwas von dem Hindi, das sie sprachen, aber wir wussten, dass er dem Mann Fragen über seine Familie und sein Leben stellte. Im Weitergehen wurde uns bewusst, dass ein weiteres Leben von einem Menschen berührt worden war, der im Herzen noch immer ein einfacher Mönch war, dessen Lebensziel es ist, so vielen Menschen wie möglich so viel Gutes wie möglich zu tun. Als wir nach dem Spaziergang die Treppe hinaufstiegen, sagte Swamiji zu uns: "Das Thema von Brahmacharya, Zölibat oder Enthaltsamkeit, steht in der Hindugesellschaft nicht unbedingt mit dem spirituellen Leben, dem Sadhana (spirituelle Praxis) oder der Selbstverwirklichung, in Verbindung. Es wird für gewöhnlich nicht ausschließlich aus der Sichtweise heraus diskutiert oder empfohlen, um das spirituelle Leben zu fördern." Wir waren oben an der Treppe angekommen und gingen in seinen Raum. Swamiji beschrieb uns das traditionelle Leben der Hindugesellschaft und die Beziehung zum Thema Brahmacharya und sexuelles Leben, um uns den umfassenderen Zusammenhang zu verdeutlichen, in dem Brahmacharya in der Hindutradition gesehen wird. Im alten Indien, erklärte er, wurde ein Menschenleben mit hundert Jahren angesetzt und in vier Phasen geteilt. Die erste Phase war die Zeit als Schüler, die Zeit von Brahmacharya, wo vom jungen Menschen erwartet wurde, dass er sich intensiv seinen Studien widmete, seinen Körper gesund und kräftig machte und sich in jeder Hinsicht auf das darauf folgende Leben als Erwachsener vorbereitete. In diesem Abschnitt war Enthaltsamkeit geboten. Der zweite Abschnitt war das Leben als verheirateter Mensch in der Familie, wo die Ausübung der Sexualität Voraussetzung und legitimer Teil des Lebens des Menschen ist; es wurde als die fundamentale Pflicht einer Familie betrachtet, Nachkommen zu haben, die dann die nächste Generation bilden würden. Swamiji fuhr fort: "Natürlich war damit nicht die Praxis ungezügelter Sexualität gemeint; das wäre erniedrigend. Aber das geschlechtliche Leben an und für sich war gesellschaftlich voll akzeptiert." "Der dritte Lebensabschnitt war die Zeit des Lebens in Abgeschiedenheit, wenn das Ehepaar die Pflicht zum Erwerb des Lebensunterhalts in die Hände der Kinder legte und den Geist auf Höheres richtete", erklärte Swamiji. Nun wurde die Praxis von Brahmacharya wieder Teil ihrer Sadhana. "Dann, im vierten Abschnitt, wurde das Leben gänzlich Gott gewidmet. Man wurde Sannyasin, Mönch, und dann war das Zölibat natürlich automatisch. Ihr seht also, das Konzept von Brahmacharya war integraler Bestandteil der indisch-hinduistischen Gesellschaftstradition. Im engeren Sinn bedeutet Brahmacharya absolute Enthaltsamkeit, aber in weiterem Sinn bedeutete es in seiner Anwendung auf das Leben in der Familie Selbstbeherrschung, keinen Missbrauch der Sexualität und strikte Treue dem Partner gegenüber." Dann wechselte unser Gespräch zu dem Thema der spirituellen Praxis, welche Rolle sie spielt und in welcher Weise sie dabei helfen könnte, das Bewusstsein durch Verstärken der in uns liegenden höheren Tendenzen zu erweitern. "Die meisten Menschen sind nichts anderes als Tiere in Menschengestalt", sagte Swamiji. "Sie sind gänzlich im Körperbewusstsein verwurzelt. Sie haben keine Vorstellung davon, dass sie etwas anderes sind. Auch ihr Geist funktioniert auf instinktive Weise. Alle Dinge geschehen als Reaktion auf das, was ihnen passiert, nicht als beabsichtigte freie Ausübung ihrer geistigen Kapazitäten. Dafür ist keine Zeit. Sobald sie morgens aufstehen, werden sie von den Aktivitäten des Alltags aufgesogen." "Und im ganzen spirituellen Leben", sagte er weiter, "geht es darum, allmählich das Tier im Inneren zu eliminieren und auszumerzen und die gesamte menschliche Natur zu verfeinern, zu reinigen und heranzubilden, damit sie aufhört, sich in alle möglichen Richtungen zu bewegen, und anfängt, eine Richtung einzuschlagen, die vertikal nach oben führt. Sobald der menschlichen Natur eine ansteigende Richtung gegeben wurde, beginnt gleichzeitig, mittels spiritueller Übungen, die schlummernde Göttlichkeit zu erwachen. Wenn man weiß, dass der spirituelle Prozess, das spirituelle Leben, darin besteht, das Tierische zu beseitigen, das Menschliche zu verfeinern und aufwärts zu lenken und das Göttliche zu erwecken und zu entfalten, erhalten alle spirituellen Praktiken, einschließlich der Rolle, die Brahmacharya spielt, den richtigen Stellenwert." Offensichtlich hatte Swamiji an unserem ersten Gespräch Gefallen gefunden. Er lächelte und sagte: "Wir müssen Andrew Cohen also dankbar dafür sein, denn letztlich steht er dahinter, ist er die Wurzel. Morgen werden wir dann eine Frage nach der anderen besprechen." Die Gespräche, die wir in den nächsten Tagen mit Swamiji führten, enthüllten eine Seite von ihm, die man nicht oft zu sehen bekommt. Normalerweise sieht man in ihm das, was man von einem Heiligen erwartet - heilige Würde, Milde, Freude, die ständige Sorge um den anderen, Schönheit der Bewegungen und eine Präsenz, die sich auf subtile Weise in den Herzen derer, die seinen Weg kreuzen, erkennbar macht. Das folgende Interview zeigt, aus welchem Stoff ein Heiliger tatsächlich gemacht ist. Es trägt zur Vervollständigung des Bildes bei. Frage: Zölibat und Brahmacharya nahmen im spirituellen Leben immer einen wichtigen Platz ein, und wir wissen, dass sowohl Swami Sivananda als auch Sie selbst diese Bedeutung unterstreichen. Warum ist das Zölibat wichtig, und welche Rolle spielt es im spirituellen Leben? Swami Chidananda: Einer der Gründe für die große Bedeutung des Zölibats ist, dass uns unser spirituelles Erbe sagt, es sei eine Grundvoraussetzung, eine Notwendigkeit im spirituellen Leben. Und diese Ansicht wurde über viele Jahrhunderte hinweg, in denen sich die indische Gesellschaft verändert hat und viele andere alte Konzepte abgelegt wurden, weiter gepflegt. Der Hindu war immer sehr progressiv. Er ist nie vor einer Veränderung zurückgeschreckt, wenn er das Gefühl hatte, dass diese Veränderung seinem Wissen förderlich sein und ihn in eine bessere Richtung lenken könnte. Und durch den Kontakt mit den Ansichten und dem Wissen anderer Kulturen kam es zu einer ständigen Neubewertung unserer alten Konzepte und Standpunkte. Trotz alledem stellen wir fest, dass das Konzept von Brahmacharya und seine bedeutende Rolle im spirituellen Leben weiter bestehen blieb. Es bestand den Test der Zeit; es ist zeitgeprüft. Wäre es nicht etwas, das dauerhaften Wert hat, hätte es sich auch geändert. So ist es aber nicht. So wie es vor Tausenden von Jahren gesehen wurde, so sehen es spirituelle Lehrer, Gurus und Yogis noch heute - mit derselben Einstellung, dass es eine notwendige und wichtige Sache ist. Ein weiterer Grund dafür, dass ich stets ein Verfechter des Zölibats war, ist, dass die herausragenden Persönlichkeiten, die, seitdem ich denken kann, einen formenden Einfluss auf mein Leben ausgeübt haben - Persönlichkeiten wie Ramakrishna Paramahansa, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo Gosh und natürlich auch Swami Sivananda selbst - alle auf das Zölibat schworen. Sie sagten, es sei höchst wichtig, ja, unerlässlich. Natürlich, wenn diese Personen, die Quelle meiner Inspiration im spirituellen Leben waren, so klar und explizit waren - für sie schien kein Zweifel darüber zu bestehen -, sagte ich mir: o.k., so ist es! Das war für mich ausschlaggebend in meinem Zugang zum spirituellen Leben. Brahmacharya, oder Zölibat, ist ein rationaler Vorgang zur Bewahrung und Erhaltung wertvoller Energie, damit diese für andere sehr wesentliche und unerläßliche Funktionen zur Verfügung stehen kann. Und wenn sie auf diese Weise bewahrt wird, kann sie umgeformt werden, so wie greifbares grobstoffliches Wasser in Dampf umgeformt werden kann. Dann kann sie Wunder wirken. Ein Fluss an sich hat vielleicht nicht besonders viel Kraft. Es ist vielleicht möglich, ihn rudernd oder schwimmend problemlos zu überqueren. Wenn er aber aufgestaut und das Wasser zurückgehalten wird, hat er, richtig gelenkt, die Kraft, riesige Turbinen anzutreiben. Die glühend heiße Sonne wird normalerweise nicht einmal im Sommer ein Feuer entfachen; wenn die Strahlen aber durch eine Linse gebündelt werden, verbrennen diese Strahlen sofort alles, worauf sie gerichtet sind. Darum geht es eigentlich beim Zölibat. Die interessante Frage ist nun: Woher kommt diese Energie, was ist ihr Ursprung? Nach Jahren der Theorie und des Forschens sind moderne Physiker zum Schluss gekommen, dass alles das, was in der Natur existiert, nicht greifbare feste Materie als solche ist. Es ist Energie, Energie, die den gesamten Kosmos, den ganzen Raum erfüllt. Und unsere Vorfahren haben gesagt, dass diese kosmische Energie die Himmelskörper in ihrer Bahn hält. Sie alle werden von dieser geheimnisvollen, unerklärbaren, unbeschreiblichen und unvorstellbaren Energie in Bewegung gehalten. Und sie betrachteten diese Energie als etwas Göttliches, etwas, das weder Anfang noch Ende hat. Sie ist ewig und alldurchdringend. Es gibt keinen Ort, an dem sie nicht ist. Und im Menschen existiert diese Energie als Sexualkraft. Die Hindus betrachteten diese Energie als heilig, als etwas Verehrungswürdiges, das nicht vergeudet werden darf. Sie sagten, diese Energie sei nichts anderes als die Manifestation der Göttlichen Mutter, die kosmische Energie; deshalb muss ihr mit Ehrerbietung begegnet werden. Diese kosmische Kraft manifestiert sich in unserem System als Prana (Lebensenergie, Lebenskraft). Und Prana ist der wertvolle Vorrat, der dem Suchenden zur Verfügung steht. Jede Sinnesaktivität oder Sinneserfahrung verbraucht eine große Menge Prana. Und die Aktivität, die das meiste Prana verbraucht, ist der Geschlechtsakt. Das höchste aller Ziele im menschlichen Leben, spiritueller Erfolg, erfordert ein Maximum an verfügbarem Prana auf allen Ebenen: geistig, intellektuell und emotional. Prana ist notwendig für spirituelle Reflexion und Unterscheidung. Das Denken muss scharf und der Intellekt durchdringend sein. Es bedarf einer speziellen Art von Intelligenz, um die inneren Implikationen, die in den Anweisungen eines Gurus enthalten sind, zu verstehen. Man mag ein sehr kluger Mensch sein, und man mag die wörtliche Bedeutung einer Aussage des Gurus sofort erfassen, wenn der Guru aber über ein schwer zu verstehendes Thema spricht, das nicht im Bereich der normalen menschlichen Erfahrung liegt, ist dafür eine spezielle Art von Verständnis erforderlich. Und dieses Verständnis entwickelt sich durch Brahmacharya. Wie ich schon sagte, braucht man für alle diese Praktiken Prana, und Enthaltsamkeit garantiert, dass dem Suchenden große Pranareserven zur Verfügung stehen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist das Zölibat sehr vernünftig und positiv. Das ist der rationale Aspekt von Enthaltsamkeit. Wenn die Lebensenergie bewahrt und in den spirituellen Prozess der Kontemplation, in philosophisches Studium, Reflexion und Meditation eingebracht wird, werden diese erfolgreich sein, weil die Kraft konzentriert worden ist und man die konzentrierte Kraft steuern und auf die spirituellen Praktiken lenken kann. Wenn sie bewahrt, konzentriert und in bestimmte Kanäle gelenkt wird, kann sie Wunder wirken. Es gibt noch einen Grund, warum Brahmacharya wichtig ist. Ich spreche jetzt nicht von außergewöhnlichen Menschen, die eine plötzliche Erleuchtung haben und sich dann ein für allemal über die grobstoffliche physische Ebene des Körperbewusstseins zu einer anderen erhoben haben, von der sie nicht mehr zurückkommen. In einem einzigen Augenblick der Erleuchtung wurde Ramana Maharshi im Bewusstsein fest verwurzelt. "Ich bin weder Körper noch Geist, ich bin das unsterbliche Selbst. Ich habe weder Raum noch Zeit, ich wurde nie geboren." Im Bruchteil einer Sekunde - einen Moment vorher war er ein ganz normaler Schüler, und dann weiß er plötzlich, dass er das ist, was die Bhagavad Gita so beschreibt: "Feuer kann dich nicht verbrennen; Wasser kann dich nicht benetzen; Waffen können dir nichts anhaben; der Wind kann dich nicht austrocknen. Du bist nie geboren worden, du bist ewig, jenseits der Zeit. Tod gibt es nicht für dich" - er wurde ein für allemal in dieser Erfahrung gefestigt, und er verließ diesen Zustand nie mehr. Sein ganzes Leben lang ließen ihn die Dinge, die um ihn herum vorgingen, unberührt. Sie hatten keinen Einfluss auf ihn. Aber ich spreche nicht von solchen Menschen. Schon vor langer Zeit forschte die Vedanta über dieses Thema der menschlichen Situation, und die Weisen sahen klar und deutlich, dass 9.999 von 10.000 vollkommen in diesem Zustand von "Ich bin dieser Körper" gefangen waren. Sie sahen ihre Identität einzig und allein als physisches Wesen mit Händen und Füßen, Augen und Ohren, das isst, trinkt, schläft, spricht und verschiedene Dinge tut. Sie sind also völlig körpergebunden. Ihr Bewusstsein bewegt sich auf der Ebene des physischen Körpers. Das ist die Situation. Aber der spirituell Suchende strebt nach dem kosmischen Bewusstsein, der inneren Realität, die über Zeit, Raum, Name und Form hinausgeht. Wenn man also ihren gegenwärtigen Bewusstseinszustand der Erfahrung gegenüberstellt, die sie zu erreichen wünschen, kann man sich leicht vorstellen, wie unmöglich dieses Vorhaben wäre, wenn sie sich weiterhin vollständig mit dem physischen Körper und all seinen Funktionen identifizieren würden. Die meisten körperlichen Vorgänge finden mechanisch statt. Kaum jemand ist sich sehr deutlich bewusst, dass er isst, trinkt, schläft, ausscheidet. All das hat sich automatisiert. Der einzige Vorgang allerdings, den die meisten Menschen mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes Verlangen haben - den sie wollen, an den sie denken, den sie planen und hinter dem sie her sind -, ist die sexuelle Befriedigung. Was bedeutet, dass dies ein Vorgang ist, der ihr gesamtes Bewusstsein, ihren ganzen Geist und ihre volle Aufmerksamkeit auf das Körperliche, auf ihre physische Identität lenkt. Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel der Körperlichkeit oder Animalität. Es ist ein Prozess, der notgedrungen die gesamte Aufmerksamkeit auf das Körperliche und noch mehr die volle Konzentration des Wünschens und Strebens auf den Teil der physischen Natur lenkt, den der Mensch mit dem gesamten Tierreich teilt. Wird dies irgendwie dazu beitragen, kosmisches Bewusstsein zu erlangen? Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener Ausdruck der Schöpfung Gottes, allen anderen Lebewesen weit überlegen, der sich zur grobstofflichen, physischen, materiellen und animalischen Ebene herablässt und sich ihr völlig hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich darum, er tut alles, um es zu bekommen, er lässt sich darin gehen, und er will, dass es immer verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit voller Absicht an eine Ebene des physischen Bewusstseins. Wenn du ein spirituell Suchender bist, kannst du denn nicht erkennen, dass du dir selbst im Wege stehst? Du musst das Bewusstsein aus den niederen Ebenen befreien und fortwährend zu immer höheren und höheren Ebenen feinerer und immer subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der gesamte spirituelle Prozess von Erleuchtung und Erkenntnis ein Prozess des sich Erhebens zu einem höheren Bewusstseinszustand ist, impliziert das automatisch, dass man sich aus einem niederen Bewusstseinszustand befreit. Wenn du nach Norden gehen willst, bewegst du dich automatisch vom Süden weg. Und eines der Dinge, die dabei helfen, sich aus der Gefangenschaft auf dieser physischen Ebene zu befreien, ist Enthaltsamkeit. Das kosmische Bewusstsein, das absolute Bewusstsein, ist Lichtjahre entfernt, wenn man nicht die Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten Identifikation mit dem Körper zu befreien. Frage: Gibt es spezielle Phasen im spirituellen Leben, in denen Enthaltsamkeit besonders wichtig oder sogar unabdingbar wird? Swami Chidananda: Ja und nein. Einerseits ist Enthaltsamkeit das eigentliche Fundament. Es ist der allererste Abschnitt, die ABC-Phase. Man kann also sagen, dass es nicht irgendwann wichtig oder unerlässlich wird, sondern dass es von Anfang an essentiell ist. Swami Chidananda: Wenn man nach Authentizität und Aufrichtigkeit strebt und wenn das Streben die Form eines totalen Engagements für die spirituelle Erfahrung und vollen Einsatz in diese Richtung hin annimmt, dann darf man nur in diese eine Richtung gehen. Man kann nicht zwei Dinge gleichzeitig verfolgen. Das wäre ein Schritt vorwärts und einer zurück, ohne dass man je wirklich weiterkäme. Das spirituelle Leben beginnt mit der Erkenntnis, dass man keinen Schritt vorankommt, wenn man sich blindlings in das Streben nach Sinnesbefriedigung und Vergnügen stürzt. Dann bleibt alles akademisch und theoretisch. Das Bemühen und der Wunsch nach spirituellem Leben bestehen dann nur in der Theorie - eine Laune und ein Gefühl. Man hat gar nicht begonnen. So ist also die Anfangsphase des spirituellen Lebens an und für sich eine Abkehr von Sinnesbefriedigungen und -erfahrungen und ein Start in die entgegengesetzte Richtung. Swami Sivananda sagte: "Brahmacharya ist die Grundlage für Unsterblichkeit." Und an vielen Stellen in den Upanishaden heißt es: "Man kann keine Weisheitserfahrung machen, wenn man seine Sinne nicht beherrschen und die Wechselhaftigkeit seines wandernden Geistes nicht kontrollieren kann." Ich denke also, es ist nicht in irgendeiner Phase des spirituellen Lebens, sondern immer bedeutend. Denn im spirituellen Leben geht es um das Transzendieren der menschlichen Natur und des menschlichen Bewusstseins. Und wenn es ein Transzendieren ist, muss man all das hinter sich lassen, was die menschliche Natur, die Körperlichkeit, ausmacht. Man muss damit beginnen und damit weitermachen. Du siehst Enthaltsamkeit als etwas Positives und nicht als etwas Unnatürliches. Du hast in keiner Weise das Gefühl, dass du dir irgendeine Gewalt antust. Letztendlich, vom rein wissenschaftlichen und technischen Standpunkt aus gesehen, ist einer der Yogas, bei dem die Enthaltsamkeit absolut unabdingbar ist, Kundalini Yoga (die Praxis des Erweckens der Lebensenergie). Da gibt es keinen Kompromiss. Von allem Anfang an ist sie absolut wichtig und unerläßlich. Es kann ansonsten gefährlich sein. Soviel zum "Nein-Teil" der Antwort. Was das "Ja" betrifft, ist zu sagen, dass es im gesamten Kontext des spirituellen Lebens in Indien gewisse Phasen und Situationen gibt, wo man hoch spirituell sein und trotzdem ein normales sexuelles Leben führen kann. Das gilt vor allem für den Bhakti-Weg - Menschen, die den Weg der Liebe zu Gott gehen: Gebet, Frömmigkeit und Gottesdienst, das Wiederholen des göttlichen Namens und Singen Seiner Herrlichkeit. Dieser Pfad macht keinen Unterschied zwischen einem zölibatären Brahmachari, einer verheirateten Person mit Familie oder einem Paar, das sich von der Welt zurückgezogen hat und seinem Leben eine spirituelle Ausrichtung gibt, nachdem die Pflichten innerhalb der Familie erfüllt sind. Der Pfad der Frömmigkeit scheint eine Dimension des spirituellen Lebens in Indien darzustellen, wo nicht auf dem absoluten Zölibat in seiner Form als totaler Enthaltsamkeit bestanden wird. Es wird nicht abgelehnt, aber es wird auch nicht darauf bestanden. Da der Geschlechtsakt aber ein großes Mass an Prana-Energie verbraucht, ist auch hier eine natürliche Zurückhaltung erforderlich. Und Sex mit verschiedenen Partnern wurde niemals unterstützt, niemals positiv gesehen. Es kann also auch eine Form von Zurückhaltung durch Selbstbeherrschung und Treue in der sexuellen Beziehung zum gesetzlich anerkannten Partner als Brahmacharya gesehen werden. Und dies war bei so vielen Gläubigen der Fall, bei Menschen, die Gott liebten, und im spirituellen Indien mangelt es dafür nicht an Beispielen. In ganz Indien sahen wir das Phänomen großer Gemeinschaften von ekstatischen Gottesverehrern, und die meisten oder fast alle waren verheiratet und führten ein normales sexuelles Leben; trotzdem gingen sie vollkommen in der Liebe zu Gott auf. Soviel also zum "Ja". In dieser Situation scheint Sexualität keinesfalls verboten oder mit dem spirituellen Leben unvereinbar zu sein. Frage: Ich nehme an, dass die vedantische Untersuchung, der eher intellektuelle Zugang zum spirituellen Leben, ebenfalls nicht unvereinbar mit einem normalen Eheleben wäre. Swami Chidananda: Ja, ja. Aber in einem vedantischen Leben würde der Mensch allmählich, unbewusst und ohne es überhaupt zu beabsichtigen, im Laufe der Zeit zu einer Bewusstseinsebene gelangen, wo Sex überflüssig zu erscheinen beginnt. Weil es ja der Grundthese der Vedanta widerspricht: "Ich bin nicht dieser Körper. Ich bin nicht die fünf Elemente. Ich bin nicht die begrenzenden Hüllen. Ich bin etwas ganz anderes." Und für dieses andere Etwas ist Sex bedeutungslos. Denn es befindet sich nicht im Bereich des physischen Bewusstseins und der physischen Funktionen. Frage: Enthaltsamkeit wird im modernen Westen oft als unzeitgemäße und altmodische Praxis betrachtet. Sie wird oft für repressiv und lebensverneinend gehalten - ja, sogar als Antithese zu dem, worum es in der spirituellen Praxis eigentlich geht. Viele spirituelle Autoritäten im Westen lehren jetzt, dass wir unsere Sexualität annehmen müssen, um unser volles Potential als Menschen auszuschöpfen, und sie in keiner Weise verdrängen oder unterdrücken dürfen. Diese Ansichten stehen in sehr krassem Widerspruch zu dem, was die großen Traditionen immer gelehrt haben. Was sagen Sie zu diesem Punkt? Swami Chidananda: Ich stimme nicht mit dieser allgemeinen Meinung, die gerade zum Ausdruck gebracht wurde, überein. Es wurde verabsäumt, den Platz von Brahmacharya im spirituellen Leben in Betracht zu ziehen. Es ist nicht unzeitgemäß; es ist überhaupt nicht altmodisch, und es ist nicht repressiv oder lebensverneinend. Im Gegenteil, es wird zur Plattform für ewiges und immerwährendes Leben. Diese Sicht des Lebens scheint sehr eingeschränkt und eng zu sein. Das Leben hier ist nicht das einzige Leben. Wenn man einen kleinen Eindruck, eine Idee davon erhält, was Leben wirklich ist, wird man ganz einfach verblüfft sein. Dieses gegenwärtige Leben ist ohne Bedeutung. Es ist eine unbedeutende Lappalie, ein Nichts, wenn es nicht in seiner Funktion als Sprungbrett zum Abheben in ein größeres Leben verstanden wird. Dieses Leben ist ein Mittel, um das großartige, erhabene und große Ziel und den Zweck der menschlichen Existenz zu erfüllen, nämlich in ein Leben einzugehen, das das Leben Gottes ist, das eins ist mit dem Leben Gottes, mit dem Königreich des Himmels. Das ist der einzige Sinn der menschlichen Existenz. Das menschliche Leben wurde uns als ein Übergang zur Göttlichkeit gegeben, als Übergang zum ewigen Leben. Brahmacharya bedeutet also weder Unterdrücken noch Verdrängen von Sexualität. Die Sexualität wird umgangen - und dieses sexuelle Potential wird für etwas verwendet, das zehnmal, hundertmal großartiger ist. Deshalb ist es ein Missverständnis, von Unterdrückung oder Verdrängung zu sprechen. Das liegt an einem mangelnden Verständnis dafür, was es mit der wirklichen spirituellen Suche auf sich hat. Wenn man es richtig versteht, wird man nicht so darüber sprechen. Wir sind nicht einfach Menschen, wir sind mehr als Menschen. Unsere Erscheinungsform als Menschen ist nur ein schwacher Widerschein dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige Grund, warum unsere Erscheinungsform als Menschen von Bedeutung und Wichtigkeit ist, besteht darin, dass sie uns, wenn sie richtig verwendet wird, erhebt und dahin bringt, wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich - auf das wir ein Geburtsrecht haben. Doch ist die Vorstellung im Westen, dass Brahmacharya Unterdrückung ist, zumindest in einer Hinsicht nicht ganz abwegig. Wenn ein natürliches Potential unterdrückt oder verdrängt wird, kann das unerwünschte Veränderungen in der Persönlichkeit hervorrufen. Wenn Brahmacharya einem Menschen gegen seinen Willen und gegen seine Überzeugung aufgezwungen wird, können daraus natürlich abnorme Zustände resultieren, weil der Mensch dazu veranlasst wird, etwas zu tun, was er oder sie tief im Inneren nicht tun will - gezwungen von anderen, von sozialen Zwängen oder durch das Ablegen von Gelübden, die er oder sie nicht hätte ablegen sollen, ohne vorher genau und gut überlegt zu haben, was damit verbunden ist. <>Wenn aber ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des Lebens gut durchdacht hat, sich sagt: "Wenn ich etwas Großes und Mächtiges erreichen will, kann ich es mir nicht leisten, die mir zur Verfügung stehenden Energien zu verschwenden. Je mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie für diese Absicht einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg."Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen verstanden hat, und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er strebt, ihm das wert ist, wenn er oder sie aus freiem Willen, mit voller Absicht und großer Begeisterung zum Zölibat schreitet, wo ist dann Unterdrückung? Ganz im Gegenteil, das, was als Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv einer höheren Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt begeben hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten, sich selbst Ausdruck zu verleihen, gibt es dem Menschen seinen vollen Ausdruck, da er sich nicht länger mit dem geringeren Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit identifiziert. Er identifiziert sich mit dem höheren Aspekt. Es ist eine Art Befreiung und Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es ist etwas Positives, Kreatives und nicht etwas Negatives. Es ist kein Verneinen, sondern effektiv ein Ausdruck seiner selbst. Wenn das so gesehen wird, irren Freud und die anderen. Sie haben eine solche Situation oder Möglichkeit nie erwogen. Und es ist nicht nur eine Möglichkeit, es ist eine Jahrhunderte oder Jahrtausende alte Tradition - für jemanden, der bereit ist, alles zu tun, alles zu geben und jeden Preis dafür zu bezahlen, um das Höchste zu erlangen. Frage: Warum läßt Ihrer Meinung nach schon allein der Gedanke an das Zölibat die Menschen im Westen heute oft mit Zorn oder Entrüstung reagieren? Swami Chidananda: Ich würde sagen, Andrew Cohen (amerikanischer spiritueller Lehrer und Schriftsteller) wäre besser in der Lage und kompetenter, diese Frage zu beantworten, als ich, für den diese Frage akademisch und theoretisch ist, während es für ihn ein wirklicher Erfahrungswert ist. Vielleicht ist dieses Konzept für diese Menschen unannehmbar, weil es ihnen das Streben nach Vergnügen verwehren würde, dem hedonistischen Ansatz (Hedonismus = das private Glück wird als höchstes Gut in der Erfüllung individueller, physischer und psychischer Lust gesehen) in ihrem Leben. Es ist etwas, das westliche Menschen normalerweise nicht hören möchten. Es widerspricht ihrem Lebensstil. Wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen, etwas Unsinniges zu tun, fühlen sie sich schuldig. Es ist ihnen sehr unangenehm, und sie werden natürlich zornig. Ich bin sicher, es gibt auch Menschen, die meinen, das Zölibat sei gegen das Gebot der Bibel zur Fortpflanzung. Wenn man also über Brahmacharya in seiner extremen Bedeutung spricht, scheint man gegen das Gebot Gottes zu predigen. Frage: Tantra, die Praxis von "heiligem Sex", wird heutzutage im Westen sehr stark. Meinen Sie, dass diese Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten? Swami Chidananda: Nein, ich glaube nicht, dass diese Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten. Warum? Weil die Menschen schwach und beeinflussbar sind. Der menschliche Geist ist so beschaffen, dass er immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Er möchte immer den leichten Weg. Tantra ist eine Methode, um mit Hilfe aller möglichen Sinnenfreuden zu Gott zu kommen. Alles wird Gott hingegeben, und so wird alles heilig; nichts ist profan. Der Mensch genießt die Sinnesbefriedigung und sieht sie noch dazu als Teil der göttlichen Wonne. Es gibt einen Standpunkt, und der ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, der sagt, dass in jeder menschlichen Erfahrung Dualität bestehen bleibt - es gibt das Gefühl von "Ich genieße dieses Objekt" -, und in der ultimativen sexuellen Erfahrung zwischen einem wirklich liebenden Mann, der die Frau sehr liebt, und wenn dieses Gefühl von der Frau vollständig geteilt wird, gibt es kein Bewusstsein der eigenen Individualität. Es kommt zu einem totalen Verschmelzen des getrennten Bewusstseins ineinander, und es besteht nur das Bewusstsein der Erfahrung, NIEMAND (Gott) erlebt. Es heißt, das wäre möglich, wenn es in Vollendung ausgeführt wird. Die zwei hören auf zu bestehen und es bleibt nur eins, eine nichtduale Erfahrung, eine absolute Erfahrung, ein Bewusstsein von Brahman. Es heißt also, der menschliche Körper wäre ein Werkzeug, das bei richtiger Verwendung dazu verhelfen kann, sich über das Körperbewusstsein zu erheben Für einen unter einer Million trifft das vielleicht zu!!! Das Streben nach Genuss ist Teil der westlichen Sicht des Lebens - nicht das Verneinen des Vergnügens. Und einer von zehn Lehrern ist vielleicht auch ein authentischer Lehrer, der es ernst meint und etwas anbietet, das dem westlichen Temperament entspricht. Aber neun von ihnen sind berechnende Leute. Sie wissen, dass ein Markt dafür vorhanden ist, und stellen sich darauf ein. Die Methode ist: Du kannst deinen Kuchen haben, und essen kannst du ihn auch. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass es früher einmal in Indien ein authentischer Pfad war, speziell im östlichen Teil. Es gibt ihn auch jetzt noch. Aber er wurde grob verzerrt. Die Menschen verfingen sich darin. Sie sagten, sie würden Tantra praktizieren, aber es war nichts anderes als Wein, Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte sie nirgendwohin, aber ich nehme an, es führte sie dorthin, wohin sie wollten. Die Methode wurde damals von erleuchteten Menschen auch der "pervertierte Pfad" genannt. Es entstanden zwei Wege: der authentische Pfad, er wurde der "rechtshändige Pfad" genannt, und der pervertierte Pfad, bei dem es nur um den Genuss ging. Er wurde der "linkshändige Pfad" genannt. Es gibt eine Episode aus dem Leben von Sri Ramakrishna, dem Guru von Swami Vivekananda. Er praktizierte alle Yogapfade und auch Christentum, Islam und andere und stellte fest, dass alles letztendlich zur selben Erfahrung von Gott führte. Und in einer Phase seines spirituellen Lebens praktizierte er auch Tantra. Eine Tantrafrau kam zu ihm und sagte: "Ich bin von Gott hierher gesandt worden, um dich in die tantrische Methode einzuweihen, um zu Gott zu gelangen." Tag um Tag legte sie die Methode des Tantra dar. Als sie in die Schlussphase kam, sagte Ramakrishna, der auf Brahmacharya schwor, dass es durch diesen Körper unmöglich ist. Also sagte sie: "Dann werde ich das Ganze vor dir inszenieren." Also nahm sie einen Tantramann und eine Tantrafrau, um den endgültigen Vollzug der Praxis vor ihm darzustellen. Er sah Schritt für Schritt zu, und sie erklärte ihm: "Schau genau. Jetzt siehst du, wie sie in Ekstase sind; sie sind ekstatisch. Sie verlieren das Bewusstsein." Und an diesem Punkt verlor Ramakrishna plötzlich jedes Bewusstsein. Er ging in tiefen Samadhi (ein wonnevoller Zustand nichtdualen Bewusstseins). So bewies er sich selbst aus zweiter Hand, dass diese ultimative sexuelle Erfahrung den Menschen in diesen Zustand des nichtdualen Bewusstseins erheben kann. Die Wissenschaft als solche gibt es also, aber es gibt sehr wenige authentische Gurus, und die Praxis muss unter der persönlichen Anleitung eines echten Gurus genauestens befolgt werden. Wahrscheinlich wird man mich der Unbarmherzigkeit bezichtigen, aber ich glaube, dass die meisten, die diesen modernen heiligen Sex propagieren, daran interessiert sind, für sich selbst daraus Profit zu schlagen. Wie ich schon sagte, die Sexualkraft ist etwas Heiliges; sie ist heilig. Sie ist eines der heiligsten Dinge überhaupt. Aber heiliger Sex ist eine irreführende Bezeichnung. Sobald man in der Sexualität hängen bleibt, sagt man der Heiligkeit ade. Das ist so, weil die Menschen schwach sind. Deshalb befürworte ich es nicht. Frage: Meinen Sie angesichts der zahlreichen Entgleisungen und Fehltritte von Menschen, die das lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt haben, sowohl im Westen als auch im Osten, dass diese Praxis eventuell auf Menschen beschränkt sein sollte, die schon einen bestimmten Grad an spiritueller Reife erreicht haben? Swami Chidananda: Diesen Standpunkt würde ich nicht zu hundert Prozent teilen, denn es ist ganz sicher so, dass Menschen, die über einen bestimmten Grad an spiritueller Reife verfügen, diese zuerst einmal wenigstens zum Teil aufgrund von Brahmacharya erreicht haben. Allein die Tatsache, dass sie einen gewissen Grad an spiritueller Reife erlangt haben, zeigt, dass Brahmacharya, zumindest in seiner weiteren Bedeutung, Teil ihrer Natur oder Teil der Methode war, mittels welcher sie zu diesem Grad von Reife gelangt sind. Und ich zögere nicht zu sagen, dass die Verfehlungen und Fehltritte, von denen ihr sprecht, den Wert des Konzepts und die Tradition von Brahmacharya in keiner Weise zu schmälern vermögen. Sie sind einzig und allein auf die Unvollkommenheit des Menschen zurückzuführen. Andererseits muss ein Mensch, der ein lebenslanges Entsagungs- gelübde ablegt, sicher sein, dass er dazu berufen ist; es muss ein innerer Ruf zu diesem Leben und zum Aufnehmen des Zölibats vorhanden sein. Es kann nicht eine Entscheidung sein, die auf einem Gefühl und auf emotionaler Euphorie beruht, es ist vielmehr ein Urteil, das durch eine rationale Einschätzung dieses Lebens getroffen wurde. Des weiteren bestehe ich darauf, dass ein Mensch kein Mönchsgelübde ablegen sollte, solange er nicht alt genug ist, um seine Biologie zu verstehen, und die Erfahrung dessen gemacht hat, was in seinem Inneren vorgeht und womit er sich auseinander zu setzen hat. Man muss sich damit ehrlich auseinander setzen. Ich würde auch vorschlagen, dass ein Mensch das lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde erst dann ablegen kann, wenn er eine Zeit lang beobachtet und geführt worden ist. In der Ramakrishna-Mission zum Beispiel ist ein Mensch ein volles Jahr lang im Vornovizenstadium. Darauf folgt ein mindestens acht Jahre dauerndes Noviziat. Erst dann ist er dazu berechtigt, darum zu bitten, ein wirklicher Swami zu werden. Diese Art der Aufnahme, des Siebens und Beobachtens würde vielleicht viele dieser Fehltritte und Verfehlungen verhindern. Einem Menschen wird erst nach einer bestimmten Phase im spirituellen Leben gestattet, das Gelübde abzulegen. Und trotzdem, auch wenn alle Bedingungen, von denen ich gesprochen habe, erfüllt wurden, ist noch immer extreme Vorsicht geboten, so lange, bis eine Phase erreicht ist, wo Brahmacharya zum normalen und natürlichen Zustand des Menschen geworden ist. Brahman, das Absolute, ist der höchste Brahmachari, denn Es ist eins ohne ein Zweites, und wenn man in Brahman fest verwurzelt ist, befindet man sich in eben diesem selben Zustand - wo es kein Zweites gibt, wo es nichts anderes gibt. Es kommt eine Phase, wo man absolut frei und ohne sexuelle Gedanken ist. Es gibt nicht Sex oder Mann oder Frau oder dies oder das, weil sich die Sichtweise geändert hat. Ganz getrennt von allem, was um ihn herum ist - die Welt, in der er lebt - hat sich der Mensch vollständig verändert. Das Bewusstsein ist nicht mehr auf dieser Ebene, wo diese Dinge wichtig und von Bedeutung sind. Wenn sich das Bewusstsein an einem anderen Ort befindet, dann sieht man zwar die Dinge, man nimmt sie wahr, aber sie sind uninteressant. Man sieht dies und man sieht jenes; man sieht alles, aber es kommt dadurch zu keiner Veränderung im Bewusstseinszustand, der immer derselbe bleibt. Das ist die letztendliche Transzendenz, eine Möglichkeit und ein Ideal, die man anstreben und erreichen muss. Das wünscht der Guru für den Schüler. Das wünscht der Heilige für den normalen Menschen. Aber bevor es soweit kommt, besteht immer das Risiko zu fallen. Deshalb sagen unsere Heiligen, dass bis zum letzten Atemzug Vorsicht geboten ist. Frage: Was ist der Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya? Swami Chidananda: Es kommt darauf an, wie du es betrachtest! Zuerst einmal kommt es darauf an, wie man es versteht. Brahmacharya bedeutet, die Richtung zu ändern, sich auf ein höheres Ziel auszurichten und das fundamentale Basisenergiepotential des Universums, das im Individuum anwesend ist, zu nutzen. Es ist der individualisierte und mikrokosmische Aspekt der unbegrenzten, unendlichen kosmischen Urkraft, welcher der makrokosmische Aspekt, der dynamische Aspekt der einen, nichtdualen Realität ist. Bekanntlich ist der statische Aspekt Brahman, die transzendentale nichtduale Realität. Und der kinetische oder dynamische Aspekt ist dasselbe in Manifestation oder im Ausdruck, in Bewegung. Der individualisierte Aspekt dieser Urkraft, der in allen Wesen ist, ist dieses Potential für das ungebrochene Weiterbestehen der Existenz. Dieses Potential ist praktisch überall. Der bloße Umstand, dass man in der Lage ist, es zu beschreiben, zu definieren und mit Begriffen der modernen Physik oder Chemie zu erklären, verändert in keiner Weise die tatsächliche metaphysische oder philosophische Tatsache seiner wahren Natur. Physikalisch ist es vielleicht mit Begriffen von Druck etc. zu erklären, aber das ist nichts als eine Erklärung für etwas, das bereits ein transformierender kontinuierlicher Prozess von Sein und Werden ist. Dieses schöpferische Potential, die Schöpfungskraft, ist überall im Pflanzen- und im Tierreich vorhanden. Es ist nichts anderes als das, was sich als all die verschiedenen Kräfte im Menschen manifestiert - die Kraft zu handeln, die Kraft zu denken, die Kraft zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu verdauen, zu atmen - alles. Und genau das ist auch in beiden Geschlechtern als sexuelle Energie vorhanden. Da diese Kraft nun der Schlüssel des Lebens ist, ist ihre Bedeutung leicht einzusehen, und man kann sich auch vorstellen, von welch hoher Qualität sie ist. Wenn man es so verstehen kann - d.h. die wahre heilige kosmische Natur als mikrokosmischen Aspekt der makrokosmischen Shakti erkennt -, nimmt man diesem Phänomen gegenüber eine gesunde Haltung der Verehrung ein. Es ist nicht etwas, was man einfach ausspuckt. Kleingeld mag man vielleicht ohne weiteres ausgeben, wenn man aber Goldmünzen hat, trennt man sich nicht so leicht von ihnen. Ehrfurcht ist also die Frucht dieses Verstehens. Außerdem erkennt der Suchende und sieht klar: "Da gibt es für mich etwas sehr Wichtiges zu tun. Ich habe ein großes Ziel zu erreichen, und ich brauche alle Energie, die mir zur Verfügung steht, für mein spirituelles Streben. Ich kann es mir nicht leisten, sie in andere Kanäle fließen zu lassen, um ein geringeres Ziel zu erreichen." Mit den Worten von Swami Krishnananda: "Es ist besser, auf einen Löwen zu zielen und ihn zu verfehlen, als auf einen Schakal und ihn zu treffen." Der erste Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya besteht also darin, das Heilige und Wertvolle des vorhandenen Energiepotentials zu erkennen und zu verstehen. Wenn man klar erkannt hat, dass es dazu da ist, bewahrt, erhalten und zum Allergrößten gelenkt zu werden, das man erlangen kann, dann hat man den Wunsch, Brahmachari zu sein. Dann wird es als etwas höchst Positives gesehen. Ein zweiter Schlüssel zum Erfolg und eine Möglichkeit, sowohl Brahmacharya als auch Sexualität zu betrachten, ist sogar noch grundlegender, und es handelt sich dabei um einen der beiden Faktoren, die ich weitgehend selbst angewandt habe. Es ist das klare Erkennen, dass in allererster Linie das, was man als das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, überhaupt kein Geschlechtsorgan ist. Es ist nichts anders als ein Rohr zur Harnausscheidung. Das ist es, und das ist seine Hauptfunktion von dem Augenblick an, wenn das Kind den Mutterschoß verläßt, bis ins Grab. In der Tat ist Sex genaugenommen nicht eigentlich Teil unserer Anatomie. Sex ist nicht im Harnausscheidungsorgan; Sex ist im Geist des Menschen. Es ist also eine Frage der geistigen Einstellung. Wenn man davon überzeugt ist und der Geist darauf trainiert wird, es gesund und rational zu sehen - dieses Organ ist nur etwas zum Ausscheiden; sein Hauptzweck ist nicht der, der die Welt beherrscht und verrückt macht - dann ist man bereits frei davon. Es übt dann keine Obsession mehr aus, weil man es dann nicht so sieht, wie der Großteil der unglücklichen menschlichen Gesellschaft es zu sehen veranlasst wurde. Wenn man darüber nachdenkt, dann ist die Hauptfunktion des Geschlechtsakts der höchst wichtige und unerlässliche Prozess der Fortpflanzung. Von einem höheren metaphysischen Standpunkt aus gesehen kooperieren Mann und Frau mit dem Schöpfer zur Erhaltung der Art, damit die Schöpfung fortbestehen kann. Das ist die Hauptfunktion, nicht die Erfahrung von Genuss, die damit verbunden ist. Das ist eine sekundäre Erscheinung. Warum wurde diese Erfahrung also so genussvoll gemacht? Es musste so sein. Die Funktion der Fortpflanzung, das Weiterbestehen der Art ist durch den Geschlechtsakt garantiert, und wenn dieser nicht mit einer Supererfahrung von Freude und Genuss kombiniert wäre, hätte sich niemand dafür interessiert, und er hätte seinen Zweck verfehlt. Also kombinierte Mutter Natur in ihrer übergroßen Weisheit die beiden Dinge. Bill Eilers und Susan Eilers (Swami Atmaswarupananda und Swami Amritarupananda) wurden in Kanada geboren. Beide leben schon lange im Sivananda Ashram, und beide haben das lebenslange Mönchsgelübde abgelegt. Nebst anderen Aktivitäten arbeiten sie gemeinsam an der Bearbeitung von Swamijis Vorträgen für die Veröffentlichung. Eine Interview mit Swami Chidananda von Bill Eilers und Susan Eilers Die Bilder für den oberen Artikel sind von Pictures of Thailand Top Aus dem Leben Swami Chidanandas Top Sridhar Rao, wie Swami Chidananda genannt wurde, bevor er Sannyasa (den Lebensstand der Entsagung) annahm, wurde am 24. September 1916 als zweites von fünf Kindern und ältester Sohn von Srinivasa Rao und Sarojini geboren. Sri Srinivasa Rao war ein wohlhabender Zamindar (reicher Landbesitzer) dem eine Reihe von Dörfern, ausgedehnte Ländereien und palastartige Gebäude in Südindien gehörten. Sarojini war eine ideale indische Mutter, die für ihre Heiligkeit bekannt war. Als er acht Jahre alt war, wurde Sridhar Raos Leben von einem gewissen Sri Anantayya, einem Freund seines Großvaters, der ihm Geschichten aus den Epen Ramayana und Mahabharata zu erzählen pflegte, beeinflusst. Tapas (Entsagungen) auf sich zu nehmen, ein Rishi (Weiser) zu werden und eine Vision des Herrn zu haben – diese Dinge wurden für ihn zu Idealen, die er in Ehren hielt. Sein Onkel, Krishna Rao, schirmte ihn gegen den schlechten Einfluss der materialistischen Welt um ihn ab und säte in ihm die Samen des Nivritti Lebens (Leben der Entsagung), die er freudig nährte, bis sie, wie spätere Ereignisse bewiesen, zu Heiligkeit erblühten. Seine Grundschulausbildung begann in Mangalore. 1932 kam er auf die Muthiah Chetty Schule in Madras, wo er sich als erstklassiger Schüler hervortat. Durch seine fröhliche Persönlichkeit, sein vorbildliches Betragen und seine außergewöhnlichen Charaktereigenschaften verdiente er sich einen besonderen Platz in den Herzen aller Lehrer und Schüler mit denen er in Kontakt kam. 1936 wurde er vom Loyola College aufgenommen, dessen Tore sich nur den brilliantesten Schülern öffnen. 1938 ging er mit dem akademischen Grad eines Bachelor of Arts daraus hervor. Dieser Zeitabschnitt der Studentenschaft an einem überwiegend christlichen College war von Bedeutung. Die glorreichen Ideale Jesu, der Apostel und der anderen christlichen Heiligen waren in seinem Herzen ein Synthese mit den besten und edelsten Elementen der Hindu-Kultur eingegangen. Für ihn war das Studium der Bibel keine bloße Routine; sie war für ihn das lebendige Wort Gottes, genauso lebendig und echt wie die Worte der Veden, der Upanishaden und der Bhagavad-Gita. Die ihm angeborene Weite der Sichtweise machte es ihm möglich, Jesus in Krishna zu sehen, und nicht Jesus an Stelle von Krishna. Er war genauso sehr ein Verehrer Jesu Christi wie Vishnus, des Herrn. Die Familie war bekannt für ihre hochstehenden Verhaltensnormen, und diese flossen in sein Leben ein. Wohltätigkeit und Dienst waren die glorreichen, tiefverwurzelten Tugenden der Mitglieder der Familie. Diese Tugenden fanden ihre Verkörperung in Sridhar Rao. Er entdeckte Mittel und Wege, sie zu zeigen. Niemand, der ihn um Hilfe bat, wurde ohne sie fortgeschickt. Er gab großzügig an die Bedürftigen. Dienst an Leprakranken wurde zu seinem Ideal. Er baute für sie Hütten auf den riesigen Rasenflächen seines Zuhauses und kümmerte sich um sie, als seien sie Gottheiten. Später, nachdem er sich dem Ashram (Einsiedelei) angeschlossen hatte, fand dieser frühe Wesenszug in ihm vollständigen und freien Ausdruck, wo selbst die besten Menschen sich nur selten in dieses großartige Reich der göttlichen Liebe vorwagten, das auf der höchsten Weisheit, dass alle eins sind in Gott beruht. Patienten aus der Nachbarschaft, die an den schlimmsten Krankheiten litten, kamen zu ihm. Für Sridhar Rao war der Patient niemand anders als Narayana, Gott selbst. Er diente ihm mit zärtlicher Liebe und Mitgefühl. Schon die bloßen Bewegungen seiner Hände brachten zum Ausdruck, dass er dem lebenden Gott Narayana diente. Nichts konnte ihn davon abhalten, den leidenden Bewohnern des Ashrams Trost zu spenden, unabhängig von der Dringlichkeit anderer Angelegenheiten, mit denen er gerade beschäftigt war. Dienst, insbesondere an den Kranken, brachte oft die Tatsache zum Vorschein, dass er keinen Begriff von seiner getrennten Existenz als Individuum hatte. Es schien, als hinge sein Körper nur lose an seiner Seele. Dieser Dienst war auch nicht auf Menschen beschränkt. Vögel und Tiere beanspruchten seine Aufmerksamkeit genauso sehr wie, wenn nicht sogar mehr als Menschen. Er verstand ihre Sprache des Leidens. Sein Dienst an einem kranken Hund rief die Bewunderung Gurudevs (wenn von Gurudev die Rede ist, dann ist Swami Sivananda gemeint) hervor. Er pflegte seinen Finger zu strenger Ermahnung zu heben, wann immer er sah, wie jemand in seiner Gegenwart stumme Tiere quälte. Sein tiefes und andauerndes Interesse am Wohl der Leprakranken hatte ihm das Vertrauen und die Bewunderung der staatlichen Autoritäten eingebracht, als er in die vom Staat gegründete Vereinigung für die Aussätzigen-Wohlfahrt gewählt wurde – zuerst als Zweiter Vorsitzender und später als Vorsitzender für das Komitee für den Bereich um Muni-ki-reti (Wallfahrtsort bei Rishikesh am Fuß des Himalaya). Obwohl er in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde, mied er schon früh die Freuden dieser Welt, um sich der Abgeschiedenheit und der Kontemplation zu widmen. In Bezug auf Studium waren es die spirituellen Bücher, die die größte Anziehung auf ihn ausübten, mehr als College-Bücher. Sogar als er auf dem College war, mussten die Lehrbücher hinter den spirituellen Büchern den zweiten Rang einnehmen. Die Werke von Sri Ramakrishna, Swami Vivekananda und Sri Gurudev hatten Vorrang vor allen anderen. Er teilte sein Wissen mit anderen in solchem Ausmaß, dass er praktisch der Guru des Haushalts und der Nachbarschaft wurde, zu der er über Ehrlichkeit, Liebe, Reinheit, Dienen und Hingabe an Gott zu sprechen pflegte. Er pflegte sie dazu zu ermahnen, Japa (Wiederholung eines Mantras) von Rama-Nama auszuführen. Als er noch keine dreißig war, begann er, junge Menschen in dieses großartige Rama Taraka (zur Befreiung führende) Mantra einzuweihen. Er war ein glühender Bewunderer der Sri Ramakrishna Math in Madras und nahm dort regelmäßig an den Satsangs (Zusammensein mit den Weisen) teil. Swami Vivekanandas Aufforderung zu entsagen hallte in seinem reinen Herzen wider. Es dürstete ihn ständig nach dem Darshan (Anblick) von Heiligen und Sadhus (Entsagten), die die Metropole besuchten. Im Juni 1936 verschwand er von zuhause. Nach einer intensiven Suche seiner Eltern wurde er in dem abgeschiedenen Ashram eines heiligen Weisen, einige Meilen entfernt von dem heiligen Berg-Schrein Tirupati, gefunden. Nach einiger Überredung kehrte er nach Hause zurück. Diese zeitweilige Trennung war nur eine Vorbereitung für den letztendlichen Abschied von der Welt der Anhaftungen an Familie und Freunde. Während er zu Hause war, weilte sein Herz in den stillen Wäldern spiritueller Gedanken, mit dem ewigen Pranava-Nada (mystischer Klang der Ewigen) der Jnana Ganga (Fluss des Wissens) in seinem Innern im Takt schlagend. Die sieben Jahre zu Hause, die auf seine Rückkehr von Tirupati folgten, waren gekennzeichnet durch Abgeschiedenheit, Dienen, intensives Studium spiritueller Literatur, Selbstbeherrschung, Beherrschung der Sinne, Einfachheit bezüglich Essen und Kleidung, das Aufgeben aller Bequemlichkeiten und das Praktizieren von Entsagungen, welches seine innere spirituelle Kraft vergrößerte. Die entgültige Entscheidung kam 1943. Er stand bereits in Korrespondenz mit Sri Swami Sivanandaji Maharaj aus Rishikesh. Er erhielt Swamijis Erlaubnis, sich dem Ashram anzuschließen. Als er im Ashram ankam, übernahm er auf natürliche Weise die Verantwortung für die Apotheke. Er wurde der Mann mit der heilenden Hand. Der wachsende Ruf seiner göttlichen heilenden Hand zog einen Strom von Patienten zur Sivananda Charitable Dispensary (der Erste-Hilfe-Station des Ashrams) an. Schon sehr bald nachdem er sich dem Ashram angeschlossen hatte, lieferte er reichliche Beweise für die Genialität seines Verstandes. Er gab Vorträge, schrieb Artikel für Zeitschriften und gab den Besuchern spirituelle Unterweisungen. Als die Yoga-Vedanta Forest University (heute bekannt als die Yoga-Vedanta Forest Academy 1948 gegründet wurde, würdigte Sri Gurudev ihn auf angemessene Weise, indem er ihn zum Vize-Kanzler und Professor für Raja-Yoga ernannte. Während seines ersten Jahres inspirierte er die Studenten mit seiner genialen Darstellung von Maharishi Patanjalis Yoga-Sutras. Es war ebenfalls im ersten Jahr seines Aufenthalts im Ashram dass er sein magnum opus „Light Fountain“, eine unsterbliche Biographie von Sri Gurudev, schrieb. Sri Gurudev selbst bemerkte einmal: „Sivananda wird vergehen, aber „Light Fountain“ wird weiterleben“. Trotz seiner vielfältigen Tätigkeiten und seines intensiven Sadhana (spirituelle Praxis) gründete er 1947 unter der Führung von Gurudev das Yoga-Museum, in dem die gesamte Vedanta-Philosophie und alle Vorgänge des Yoga-Sadhana in Form von Bildern und Illustrationen dargestellt sind. Ende 1948 ernannte Gurudev ihn zum Generalsekretär der Divine Life Society. Die große Verantwortung für die Organisation wurde auf seine Schultern geladen. Von jenem Moment an spiritualisierte er all seine Handlungen durch seine Gegenwart, seinen Rat und seine weise Führerschaft. Er ermahnte alle, ihr Bewusstsein auf die Ebene des Göttlichen zu erheben. Am Guru Purnima-Tag, dem 10. Juli 1949, wurde er von Swami Sivanandaji Maharaj in den heiligen Orden des Sannyasa eingeweiht. Er wurde von da an Swami Chidananda genannt, ein Name, der bedeutet: „jemand, der sich im höchsten Bewusstsein und in höchster Wonne befindet“. Im November 1959 brach Swami Chidanandaji zu einer ausgedehnten Amerikareise auf. Er war von Gurudev als sein persönlicher Vertreter geschickt worden, um die Botschaft vom Göttlichen Leben zu verbreiten. Er kehrte im März 1962 zurück. Im August 1963, nach dem Mahasamadhi (Verscheiden eines Selbstverwirklichten) des Meisters, wurde er zum Präsidenten der Divine Life Society gewählt. Nachdem er gewählt worden war, strebte er danach, die Fahne der Entsagung, des hingebungsvollen Dienens, der Liebe und des spirituellen Idealismus hochzuhalten, nicht nur innerhalb der Struktur der ausgedehnten Organisation der Divine Life Society, sondern auch in den Herzen zahlloser Suchender auf der ganzen Welt, die sehr begierig seinen Rat, seine Hilfe und seine Führung suchten. Sri Swami Chidanandaji hat Indien, Malaysia und Südafrika kreuz und quer durchreist, um den Jüngern der Divine Life Society zu dienen. 1968 unternahm Sri Swami Chidanandaji auf Grund der Bitten vieler Schüler und Jünger des heiligen Meisters Sri Swami Sivanandaji Maharaj wieder die Welttournee und besuchte alle Länder der Erde. Wo immer er auch hinkam, empfingen die Devotees ihn herzlich und hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Sri Swami Chidanandaji hat von Anfang an unermüdlich für die göttliche Sache von Sri Gurudevs Mission gearbeitet und dieser Sache gedient, und er verbreitet weit und breit seine Botschaft vom Göttlichen Leben, nicht nur in Bharatavarsha (Indien), sondern auch in Ländern außerhalb. Am 24. September 1976 feierten das Hauptquartier der Divine Life Society in Shivanandanagar (Rishikesh) sowie alle Zweige der Gesellschaft seinen sechzigsten Geburtstag (Shashtyabdapurti). von yoga-vidya.de Die unteren 5 Bilder sind von der Seite kittynorth.com Top Enthaltsamkeit heisst im Sanskrit Brahmacharya. Brahmacharya heisst wörtlich übersetzt, “Achara”, das Verhalten, durch das man “Brahman”, das Absolute erreicht. Es ist das Streben nach dem Absoluten, eine Bewegung zu Gott oder Atman hin. Das Ziel der Enthaltsamkeit dient der Selbstverwirklichung, der Erleuchtung. Unter Enthaltsamkeit versteht man die Reinheit in Gedanken, Worten und Taten. Im engeren Sinne versteht man unter Brahmacharya das Zölibat, also die sexuelle Enthaltsamkeit. Genauer genommen versteht man darunter die strikte Enthaltsamkeit nicht nur vom Geschlechtsverkehr, sondern auch von selbsterotischen Praktiken, wie Masturbation, homosexuelle Handlungen und alle Formen von Sexualpraktiken. Während der Enthaltsamkeit sollten alle erotische Phantasien, das Betrachten erotischer Bilder und Filme und das lesen erotischer Texte vermieden werden. Die Enthaltsamkeit wird empfohlen, um sich konzentriert dem Streben nach dem Absoluten, nach der Erleuchtung zu widmen, um sich von der Verhaftung von der erotischen Sinnlichkeit zu lösen und um die sexuelle Energie für den spirituellen Fortschritt zu nutzen. Hat man sich von allen erotischen Verhaftungen gelöst, so kann man seine ganze Aufmerksamkeit seinem spirituellem Wachstum schenken, wird nicht mehr durch erotische Reize von seiner Konzentration auf das Wesentliche abgelenkt und kann die sexuelle Energie, die vielleicht sogar die grösste Kraftreserve darstellt, über die der Mensch verfügt, seinem spirituellem Wachstum widmen. Mit Brahmacharya ist schneller spiritueller Fortschritt möglich. Die Enthaltsamkeit gilt für beide Geschlechter, Männer wie Frauen. Große Yoga Meister und Meisterinnen waren alle Brahmacharins. Buddha unterschied zwischen Laien und Mönchen. Unter Laien versteht man verheiratete Ehepaare. Ihnen empfahl er eine beherrschte Sexualität, die also nicht von sexueller Ausschweifung geprägt ist. Den Mönchen dagegen empfahl er Enthaltsamkeit. Er sagte, dass die Laien zwar auch bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen können, dass sie selbst aber sehr bald erkennen würden, dass sexuelle Aktivität unausweichlich Probleme für den spirituellen Fortschritt mit sich bringen. Sobald sie dies aber erkennen, werden sie darüber nachdenken, ob sie nicht selber freiwillig auf weitere sexuelle Aktivitäten verzichten sollten. Enthaltsamkeit sollte darum nur von demjenigen praktiziert werden, der sich diesen Schritt reichlich überlegt hat. Sonst wird die Enthaltsamkeit zur Qual und wird über kurz oder lang zum Abbruch der Enthaltsamkeit führen. In den Klöstern ist die Enthaltsamkeit normalerweise in einer zweijährigen Probezeit eingebettet, in der der Novize, für sich die Möglichkeit hat, herauszufinden, ob er ihr gewachsen ist. Man kann die Enthaltsamkeit natürlich in die Yogaphilosophie einbetten, die sich sehr stark am Hinduismus orientiert und sagen, dass das Ziel der Enthaltsamkeit die Vereinigung mit Brahman ist. Ich würde den Sinn der Enthaltsamkeit allerdings etwas anders formulieren. Für mich beruhen alle spirituellen Fortschritte auf der Sublimation, also auf der Umwandlung sexueller Energien. Nimmt man der Sexualität die Möglichkeit, ihre sexuellen Energien pausenlos zu vergeuden, so bleiben sie im Körper und können für Heilungsprozesse genutzt werden. Vollkommene Sublimierung kann aber kaum in ein, zwei Wochen erreicht werden. Sie verlangt einen beständigen Kampf mit Geduld und Ausdauer über einen längeren Zeitraum. Wir sollten einmal darüber nachdenken, warum die Sexualität eine so starke Macht über uns hat. Im Leben vieler Menschen vergeht kaum eine Minute, in der sie nicht von sexuellen Phantasien bedrängt werden. Warum ist das so? Mir kommt es so vor, als verhält sich die Sexualität wie eine Droge. Schon eine kleine Prise genügt und man ist davon abhängig. Es zieht es uns immer wieder zur Sexualität, weil wir im Orgasmus einen "göttlichen" Moment erfahren, der uns tiefste Zufriedenheit beschert. Die Ekstase im Orgasmus ist so berauschend, dass wir ihn immer und immer wieder erleben wollen. Wir werden regelrecht süchtig danach. In Tierversuchen hat man Affen Elektroden ins Gehirn gepflanzt, die mit dem Sexualzentrum verbunden waren. Durch einen Klick auf eine Taste konnten die Affen einen Orgasmus auslösen. Sie klickten ununterbrochen auf die Taste, um immer und immer wieder einen Orgasmus zu erleben. Sie verweigerten dabei jede Nahrung und jedes Getränk und wollten nur noch eins, einen Orgasmus nach dem nächsten. Am Ende waren sie vollkommen erschöpft und starben. Daran kann man also erkennen, wie stark die Abhängigkeit von der Sexualität werden kann, welche Macht die Sexualität über uns gewinnen kann. Wir sollten daran denken, dass die Natur uns die Sexualität außchliesslich zur Zeugung unseres Nachwuchses geschenkt hat und zu keinem anderen Zweck. Sie hat uns die Sexualität nicht geschenkt, damit wir sie permanent für unsere kurzfristige sinnliche Befriedigung nutzen. Da wir aber genau dieses machen, findet in unserem Leben keine Ekstase mehr statt. Diese Ekstase finden wir nur noch in der Sexualität, wenn auch nur für kurze Momente. Gleichzeitig verlieren wir aber unsere sexuelle Energie, die uns dauerhafte Seligkeit bescheren könnte, würden wir sie nicht permanent so unüberlegt vergeuden. Suchen wir aber nicht mehr das kurzfristige sexuelle Vergnügen und bewahren unsere sexuelle Energie, indem wir enthaltsam leben, so können wir diese Ekstase wieder in unser Leben integrieren. Wir sollten einmal daran denken, dass ein Erleuchteter die Seligkeit, die wir für einige Sekunden im Orgasmus finden, in jeder Sekunde seines Lebens erfährt. Sollte uns dieses nicht anspornen, es ihnen gleich zu tun? Der Sinn unseres Lebens sollte also nicht darin bestehen, uns immer und immer wieder für Sekunden der sexuellen Lust hinzugeben, sondern die Seligkeit permanent zu verinnerlichen, da sie unserer eigentlichen Natur entspricht und sie in gleicher Fülle genießen, wie die Weisen, Heiligen und Erleuchteten es tun. Wenn man sich zur Enthaltsamkeit entschließt, dann sollte man natürlich wissen, dass dies kein leichter Schritt ist, sondern ein Schritt, der sehr viel Kraft, Mut und Ausdauer erfordert. Die Sexualität wird immer wieder an uns herantreten, um uns in Versuchung zu führen. Irgendwann aber kommt der Punkt, da fällt sie wie ein reifer Apfel von uns ab. Dann unterliegt man nicht mehr der erotischen Versuchung. Dieses empfindet man in der Regel als sehr angenehm. Jeder, der einmal diese Seligkeit kennen gelernt hat, weiß, wie blass und oberflächlich die Sexualität wirklich ist. Richtige Ernährung spielt bei der Enthaltsamkeit eine wesentliche Rolle. Im Gehirn gibt es verschiedene Bereiche, und jede Nahrung hat ihre eigene Wirkung auf den jeweiligen Bereich und auf den Gesamtorganismus. Manche Nahrung hat eine aphrodisierende Wirkung. Sie stimuliert direkt die Geschlechtsorgane. Knoblauch, Zwiebel, Fleisch, Fisch und Eier stimulieren die Leidenschaft. Schenke der Nahrung darum die angemessene Aufmerksamkeit. Sei mäßig in der Ernährung. Iss reine Nahrung wie Getreide, Obst, Gemüse, Salate, Hülsenfrüchte und Milchprodukte. Gelegentliches Fasten kontrolliert die Leidenschaft, beruhigt die Emotionen, beherrscht die Sinne und unterstützt die Enthaltsamkeit. Schon ein geringes Maß an Selbstbeherrschung oder ein wenig Praxis von Enthaltsamkeit ist ein ideales Heilmittel. Sie gibt innere Stärke und Seelenfrieden, stärkt Geist und Nerven und hilft, physische und geistige Energie zu bewahren. Sie steigert das Gedächtnis, die Willenskraft und die Stärke des Gehirns. Sie gibt ungeheure Kraft, Stärke und Vitalität, erneuert das System und den körperlichen Zustand, baut Zellen und Gewebe neu auf, stimuliert die Verdauung und gibt die Kraft, Schwierigkeiten im täglichen Lebenskampf zu begegnen. Ein Mensch, der über völlige Beherrschung der Sexualenergie verfügt, erlangt Kräfte, die auf anderem Weg unerreichbar sind. Wenn ein Mensch ein enthaltsames Leben führt, auch wenn er in einer Beziehung lebt und nur gelegentlich aus Gründen der Fortpflanzung Geschlechtsverkehr hat, kann er gesunde, kluge, starke, schöne und selbstaufopfernde Kinder zeugen. Die Praxis der Enthaltsamkeit birgt in sich keine Gefahren wie Krankheiten, unerwünschte Auswirkungen, Komplexe oder Neurosen. Swami Sivananda sagte einmal: "Es ist leicht, einen Tiger, Löwen oder Elefanten zu zähmen. Es ist leicht, mit einer Kobra zu spielen. Es ist leicht, über das Feuer zu gehen. Es ist leicht, den Himalaja emporzuheben. Es ist leicht, auf dem Schlachtfeld zu siegen. Aber es ist schwierig, die Wollust zu überwinden." Jeder, der sich freiwillig zur Enthaltsamkeit entschließt, sollte wissen, dass man jeden Gedanken an die Wollust, sofort wenn er auftritt, sofort verbannen sollte. Gefährlich ist es, in Gedanken mit der Erotik zu spielen. Hat sie diese Schwäche erkannt, dann schleicht sie sich unbemerkt durch die Hintertür in unsere Phantasie und nimmt von uns besitz. Schon der Anblick eines Bilder, eines erotischen Körpers oder ein nächtlicher Traum, kann uns derart in Aufregung versetzen, dass es schwierig ist, die entfachte Glut wieder zu löschen. Durch diese Versuchungen hat schon manch ein Yogi, der schon große Höhen auf der spirituellen Leiter erklommen hat, alles verloren, was er besessen hat. Auch wenn man das Gefühl hat, das erotische Begehren abgelegt zu haben, sollte man stets achtsam sein und die Kraft der Versuchung niemals unterschätzen.
Obwohl man unter Enthaltsamkeit in erster Linie die sexuelle Enthaltsamkeit versteht, hat Enthaltsamkeit im Yoga ein tieferes Verständnis. Yoga betrachtet die Enthaltsamkeit aus allen Blickwinkeln. Sie versteht unter Enthaltsamkeit also nicht nur die sexuelle Enthaltsamkeit, sondern die Beschränkung aller sinnlichen Ausschweifungen. Dazu gehören die Neigungen sich im Übermaß der Esslust oder den Trinkgewohnheiten hinzugeben. Ebenso wird ein Übermaß an Schlaf und an zu viel Gerede als negativ angesehen. Enthaltsamkeit bedeutet im tieferen Sinne, seine Kräfte für die Meditation zu konservieren. Dies bedeutet die Abkehr von allen Tätigkeiten, die die Konzentration auf unser Äußeres richten. Ist die Hinwendung zum Äußeren nicht oft genug nur eine Flucht, um sich der inneren Auseinandersetzung zu entziehen? Die Enthaltsamkeit dient dazu, die Energien für die eigene Heilung zu nutzen. Konzentrieren wir uns zu sehr auf äußere Dinge, so vergeuden wir unsere Energie und können sie nicht mehr für unsere Heilung nutzen. Im Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Berühren sollten wir uns nur mit reinen Dingen beschäftigen. Enthaltsamkeit bedeutet daher, dass unser Handeln möglichst einer ethischen und moralischen Kontrolle unterliegen sollte. Darum sollte der enthaltsam lebende Yogi stets hellwach sein, sein Leben sehr bewusst gestalten und seine Sinne kontrollieren. So sagt z.B. Mahatma Gandhi: Und Swami Krishnananda sagt dazu: Wie sieht die Enthaltsamkeit bei Männern aus? Auch der Mann, der enthaltsam lebt, lebt in Wirklichkeit nicht ohne Sexualität. Der Körper produziert weiterhin Samenzellen und die werden mittels eines nächtlichen Orgasmusses, Pollution genannt, ausgeschieden. Einige Yogis wenden allerdings Techniken (PC-Muskel-Training) an, um selbst Pollutionen zu verhindern, da sie diesen Energieverlust vermeiden möchten. Mich überzeugen diese Techniken allerdings nicht. Ich halte sie für überflüssig. Diese nächtlichen Orgasmen sind sexuell gesehen mit einer großen Befriedigung verbunden, mitunter auch von erotischen Träumen begleitet. Die Pollutionen finden vielleicht einmal oder zweimal im Monat statt. Darum sind sie mit einer viel größeren sexuellen Befriedigung verbunden, als wenn man, wie vielleicht in einer Partnerschaft, zwei mal in der Woche einen Orgasmus hat. Die Pollutionen sind so befriedigend, dass sie über kurz oder lang zur völligen Abkehr von der Sexualität führen. Man hat das Gefühl, alle erotischen Wünsche ausgelebt zu haben und wendet sich von der Erotik ab, man schenkt ihr keine Aufmerksamkeit mehr. Ich bin davon überzeugt, dass genau das gleiche passieren würde, wenn man im normalen Leben, die Sexualität erleben würde, die man sich immer erträumt hat. In Wirklichkeit besteht unser Leben aus purer Lebensfreude. Wenn wir das aber nicht so empfinden, dann sollten wir uns die Frage stellen, warum wir davon so wenig spüren. Hat man sich zum Beispiel von den sexuellen Begierden gelöst, so ist man aber nicht automatisch frei von Angst und negativen Gefühlen wie Wut, Trauer und Hass. Beschreitet man den Weg aus Enthaltsamkeit und Meditation aber weiter, so kann man die sexuelle Energie nutzen, um sie zur Heilung des dritten Chakras, dem Solarplexus, dem Sitz der Emotionen, zu nutzen. Die Auseinandersetzung mit den negativen Gefühlen ist ebenso schwer wie die Auseinandersetzung mit den nicht enden wollenden sexuellen Begierden. Man muss den Mut haben, sich seinen Gefühlen zu stellen. Und dann drängen diese Gefühle, die man vielleicht sein ganzes Leben lang unterdrückt hat, mit Macht an die Oberfläche. Dann wird man direkt mit seinem Hass, mit seiner Wut, mit seiner Angst und mit seiner Trauer konfrontiert. Da wir aber überfordert wären, wenn wir gleich mit der ganzen Fülle dieser Emotionen konfrontiert würden, lassen wir aus Selbstschutz immer nur einen kleinen Teil dieser Gefühle zu. Langsam, Schritt für Schritt, gelingt es uns diese negativen Emotionen abzulegen. Dann kehrt Schritt für Schritt ein wunderbarer Friede in uns ein, der getragen ist von inner Ruhe und Harmonie. Auf der einen Seite setzen wir uns also mit unseren verdrängten Emotionen auseinander. Auf der anderen Seite arbeitet die Sexualität, auch wenn wir uns mittlerweile davon frei gemacht haben, weiter im Hintergrund. Das heißt, wir denken zwar nicht mehr an die Sexualität, haben aber hin und wieder nächtliche Pollutionen. Und nach jeder Pollution werden wir merken, dass ein kleines Stück unserer Angst, ein kleines bisschen unserer Magenschmerzen, die ebenfalls ein Ausdruck unserer Angst sind, abnehmen. Wir pendeln uns gewissermassen auf ein etwas höheres Lebensniveau ein. Im Laufe der Monate verringert sich unsere Angst immer mehr. Wir reagieren weniger gereizt, falls uns jemand kritisiert oder beleidigt, werden allmählich immer ausgeglichener und finden langsam immer mehr zu uns selber. Und eines Tages kommt der Punkt, dann ist man vollkommen frei von jeder Angst, von jeder Wut und in einem herrscht eine unwahrscheinliche Lebensfreude. Da die Sexualität und die Emotionen scheinbar so eng miteinander verknüpft sind, habe ich mir schon die Frage gestellt, ob ein Grossteil der emotionalen Störungen ihren Ursprung nicht in mangelnder sexueller Befriedigung haben. Swami Chidananda sagte einmal: Der einzige Vorgang, den die meisten Menschen mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes Verlangen haben, den sie wollen, an den sie denken, den sie planen und hinter dem sie her sind, ist die sexuelle Befriedigung. Das bedeutet, dass dies ein Vorgang ist, der ihr gesamtes Bewusstsein, ihren ganzen Geist und ihre volle Aufmerksamkeit auf das Körperliche, auf ihre physische Identität lenkt. Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel der Körperlichkeit oder Animalität. Wird dies irgendwie dazu beitragen, kosmisches Bewusstsein zu erlangen? Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener Ausdruck der Schöpfung Gottes, allen anderen Lebewesen weit überlegen, der sich zur grobstofflichen, physischen, materiellen und animalischen Ebene herabläßt und sich ihr völlig hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich darum, er tut alles, um es zu bekommen, er läßt sich darin gehen, und er will, dass es immer verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit voller Absicht an eine Ebene des physischen Bewusstseins. Wenn du ein spirituell Suchender bist, kannst du denn nicht erkennen, dass du dir selbst im Wege stehst? Du musst das Bewusstsein aus den niederen Ebenen befreien und fortwährend zu immer höheren und höheren Ebenen feinerer und immer subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der gesamte spirituelle Prozess von Erleuchtung und Erkenntnis ein Prozess des sich Erhebens zu einem höheren Bewusstseinszustand ist, impliziert das automatisch, dass man sich aus seinem niederen Bewusstseinszustand befreit. Das kosmische Bewusstsein, das absolute Bewusstsein, ist Lichtjahre entfernt, wenn man nicht die Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten Identifikation mit dem Körper zu befreien. Enthaltsamkeit bedeutet weder Unterdrücken noch Verdrängen von Sexualität. Das sexuelle Potential wird für etwas verwendet, das zehnmal, hundertmal großartiger ist. Deshalb ist es ein Missverständnis, von Unterdrückung oder Verdrängung zu sprechen. Das liegt an einem mangelnden Verständnis dafür, was es mit der wirklichen spirituellen Suche auf sich hat. Wenn man es richtig versteht, wird man nicht so darüber sprechen. Wir sind nicht einfach Menschen, wir sind mehr als Menschen. Unsere Erscheinungsform als Menschen ist nur ein schwacher Widerschein dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige Grund, warum unsere Erscheinungsform als Menschen von Bedeutung und Wichtigkeit ist, besteht darin, dass sie uns, wenn sie richtig verwendet wird, erhebt und dahin bringt, wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich, auf das wir ein Geburtsrecht haben. Wenn ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des Lebens gut durchdacht hat, sich sagt: "Wenn ich etwas Großes und Mächtiges erreichen will, kann ich es mir nicht leisten, die mir zur Verfügung stehenden Energien zu verschwenden. Je mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie für diese Absicht einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg." Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen verstanden hat, und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er strebt, ihm das wert ist, wenn er oder sie aus freiem Willen, mit voller Absicht und großer Begeisterung zum Zölibat schreitet, wo ist dann Unterdrückung? Ganz im Gegenteil, das, was als Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv einer höheren Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt begeben hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten, sich selbst Ausdruck zu verleihen, gibt es dem Menschen seinen vollen Ausdruck, da er sich nicht länger mit einem niedrigen Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit identifiziert. Er identifiziert sich mit einem höheren Aspekt. Es ist eine Art Befreiung und Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es ist etwas Positives, Kreatives und nicht etwas Negatives. Es ist kein Verneinen, sondern effektiv ein Ausdruck seiner selbst. Der erste Schlüssel zum Erfolg in der Enthaltsamkeit besteht also darin, das Heilige und Wertvolle des vorhandenen Energiepotentials zu erkennen und zu verstehen. Wenn man klar erkannt hat, dass es wert ist, bewahrt, erhalten und zum Allergrößten gelenkt zu werden, das man erlangen kann, dann hat man den Wunsch, Brahmachari zu sein. Dann wird es als etwas höchst Positives gesehen. Ein zweiter Schlüssel zum Erfolg und eine Möglichkeit, sowohl Enthaltsamkeit als auch Sexualität zu betrachten, ist sogar noch grundlegender. Es ist das klare Erkennen, dass in allererster Linie das, was man als das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, überhaupt kein Geschlechtsorgan ist. Es ist nichts anders als ein Organ zur Harn- ausscheidung. Und das ist seine Hauptfunktion, von dem Augenblick an, wenn das Kind den Mutterschoß verlässt, bis ins Grab. Buddha lehrte, solange der Mensch sexuell aktiv ist, hat er kein Interesse an der Praxis des spirituellen Lebens. In seiner Lehre über die schrittweise Erleuchtung sagte er, dass das Empfinden von Lust und Sexualität Genuss beinhaltet. Er verleugnete den Genuss nicht. Genuss ist dabei. Aber dann verändert sich dieses Vergnügen in Missvergnügen, und allmählich, langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt hat, beginnen die Menschen zu kämpfen. Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust erwächst Habgier; aus Lust erwachsen Eifersucht, Zorn, Hass, Verwirrung und Kampf; all diese negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb sind all diese negativen Dinge in der Lust enthalten. Solange man in der Sexualität verstrickt ist, ist es unvermeidlich, dass man diese Probleme hast - Kampf, Enttäuschung, Zorn, Hass, Töten - all das ist damit verbunden. Weil also der Buddha das Problem sah, das der Sexualität innewohnt, sagte er, dass es besser ist, die Sinne zu disziplinieren und zu kontrollieren, um ein ruhiges und friedvolles Leben zu haben. Aber das muss schrittweise erfolgen, langsam, begründet auf Verstehen, nicht unvermittelt. Es kann nicht erzwungen werden. Es muss allmählich geschehen und mit tiefem Verständnis. Swami Sivananda sagte: Enthaltsamkeit ist Reinheit in Gedanke, Wort und Tat. Sie umfasst nicht nur die Beherrschung der Geschlechts- oder Fortpflanzungsanlagen sondern auch anderer Anlagen. Das ist die Definition von Enthaltsamkeit im weiteren Sinne. Enthaltsamkeit ist von zweierlei Art, nämlich physisch und geistig. Physisch ist die Kontrolle des Körpers und geistig ist die Kontrolle unzüchtiger Gedanken. In der geistigen Enthaltsamkeit sollte nicht einmal ein einziger wollüstiger Gedanke je in den Geist gelangen. Freisein von allen sexuellen Gedanken im Wach- wie im Traumzustand ist strenge Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist ein wertvoller Juwel. Sie ist die wirkungsvollste Medizin, die Krankheiten heilt. Die sexuelle Energie ist die Essenz von Leben, Gedanken, Intelligenz und Bewusstsein. Wenn die sexuelle Energie einmal verloren ist, kann sie nie wieder zurückgeholt werden. Wenn diese Flüssigkeit sorgsam bewahrt wird, dient sie als Schlüssel, um die Tore zur Seligkeit, zum Paradies im Leben zu öffnen. Nur durch Enthaltsamkeit allein haben die Yogis (Weisen) aller Zeiten Freude, Wonne und Erleuchtung erlangt. Ohne Enthaltsamkeit gibt es keine Gesundheit und kein spirituelles Leben. Enthaltsamkeit ist der Grundgedanke zum Erfolg in allen Lebensbereichen. Sinnlichkeit zerstört Leben, Glanz, Kraft, Vitalität, Gedächtnis, Wohlstand, Ruf, Heiligkeit und Hingabe an das Höchste. Die Menschen sind körperlich, geistig und moralisch geschwächt, weil es ihnen an Enthaltsamkeit mangelt, weil sie ihre Samenkraft verschwendet haben. Solche Menschen sind schon bei geringfügigen Anlässen leicht gereizt. Sie fallen verschiedenen Krankheiten und einem frühen Tod zum Opfer. Durch Enthaltsamkeit wächst die intellektuelle Kraft. Der Samen ist eng mit Gehirn und Verstand verbunden, denn er ist die Substanz der menschlichen Vitalität. Er steht in Beziehung zu Intelligenz, Moral und Spiritualität. Es kann keinen Erfolg im Leben geben, wenn diese fundamentale Kraft nicht bewahrt wird. Die Enthaltsamkeit ist Grundvoraussetzung für den Suchenden. Sie ist neben der Gewaltlosigkeit die wichtigste Tugend zur Selbstverwirklichung. Man im menschlichen Gehirn folgende Zustände:
Vielleicht könnte man Erleuchtung auch so
definieren, dass wir es wieder lernen müssen, uns so zu entspannen
wie Kinder. Sie haben ein normales Tagesbewusstsein, welches dem
Tiefschlaf der Erwachsenen entspricht. Ihre Gehirnaktivitäten
bewegen sich im Frequenzbereich von unter 4 Hertz. Das entspricht der
tiefsten Entspannung und Seligkeit, die der Mensch erreichen kann.
Dieser Zustand ist bei Kleinkindern fast normal. Darum sind sie fast
alle "erleuchtet". In diesem Zusammenhang bekommt der Satz "Wenn ihr
nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen."
für mich eine sinnvolle Bedeutung. Ein kurzer Einblick in die Tantrapraxis Top Zum Abschluss des Themas Enthaltsamkeit noch ein paar Worte zum Tantra. Tantra entwickelte sich ursprünglich in Indien, breitete sich im 6. Jahrhundert n. Chr. aber unter anderem nach Tibet und im gesamten Himalayaraum aus. In Tibet breitete sich besonders das Vayrayana, also die tantrische Variante des Buddhismus aus. Darum wird der tibetische Buddhismus heute vielfach mit dem Tantra identifiziert. Das Vayranana stellt neben dem Hinayama und dem Mahayana eine der drei Hauptrichtungen des Buddhismus dar. Der Hinayama vertritt die ursprünglichen Lehren Buddhas. Im Hinayama wird u.a. von den Mönchen Enthaltsamkeit gefordert. Der Mahayana entwickelte sich etwa 500 Jahre nach Buddha. Ursache war die Unzufriedenheit mit der Lehre und Praxis des Hinayama, die auf die Mönchsgemeinschaft und das Ideal der buddhistischen Heiligen ausgerichtet sind. Aus dem Mahayana heraus entwickelte sich auch der Zen. Die Lehren des Tantra, die zuvor ohne irgend eine Institution von Meister zu Schüler weitergegeben wurden, wurden in Tibet institutionalisiert. Es kam zur Entwicklung der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus, der Nyingma-, Sakya-, Kagyü- und Gelug-Schulen und den zahlreichen kleineren Nebenlinien dieser Schulen. Die Gelug-Schule ist die jüngste Schule der vier Hauptschulen des tibetischen Buddhismus. Die Dalai Lamas sind die wichtigsten Lehrer der Gelug-Schule. Die Bon-Schule ist zwar nicht buddhistisch, ähnelt aber derart stark der Vajrayana Tradition, so dass sie vom derzeitigen Dalai Lama als fünfte tibetische Hauptschule anerkannt wurde. Die Sakya-Linie begann als nicht-zölibatäre Linie, wurde im Laufe der Zeit aber immer stärker monastisch (mönchisch) orientiert. Wie man sieht, gibt es innerhalb des Tantra zölibatäre und nicht-zölibatäre Strömungen. Das, was man im Westen gemeinhin mit Tantra bezeichnet, hat mit Tantra eigentlich nicht viel gemeinsam. Es entspricht eher einer gehobenen Art der sexuellen Befriedigung und kann daher nur als Neo-Tantra bezeichnet werden. Im traditionellen Tantra zielen die Übungen auf die Beherrschung des feinstofflichen Energiesystems, bestehend aus dem Zentralkanal, den Seiten- und Nebenkanälen und den Energiezentren (Chakras), den sogenannten Energiewinden und den Bewusstseins-Essenzen. Ähnlich den in den neuen Schulen gebrauchten "Sechs Yogas von Naropa", gibt es Übungen zur Erweckung des inneren Feuers, Traumkontrolle, Bewusstseinsübertragung, Lebensverlängerung und vieles mehr. Zu dieser Übungsphase gehört auch die Karmamudra genannte Praxis der sexuellen Vereinigung, bei welcher zwei entsprechend geschulte Übende die äußere Form und das energetische Innenleben eines Yidam (einer persönlichen Schutzgottheit) aktivieren, der seinerseits aus einer vereinigten Form eines männlichen und weiblichen Buddha besteht. Ein sexueller Höhepunkt wird bei dieser Praxis jedoch nicht angestrebt, sondern die Arbeit mit den durch die sexuelle Vereinigung erweckten sexuellen Energien steht im Vordergrund. Dieses soll ohne gegenseitige Anhaftung erfolgen und führt durch Aufhebung der Grenzen zwischen den Beteiligten zur ekstatischen Erfahrung der Ichlosigkeit, genannt: "In Wonne und Leerheit vereinigt." (siehe: ratna.info). Leider konnte sich der Tantra nicht von den mystischen Vorstellungen des Hinduismus/Buddhismus lösen. Auch im Tantra spricht man von der Kundalini, von feinstofflichen Energiekanälen, von Chakras, von Energiewinden und was es da noch alles gibt. Und zu guter letzt wird auch noch gesagt, dass die sexuelle Vereinigung ohne gegenseitige Anhaftung erfolgen soll. Das ist in meinen Augen aber vollkommen unmöglich. Eine sexuelle Vereinigung ist immer mit einer Verhaftung verbunden. Ohne die sexuelle Erregung, ohne einen erigierten Penis ist eine sexuelle Vereinigung nicht möglich. Die Erektion aber beruht auf einer Verhaftung an die Sexualität. Deshalb wundert es mich gar nicht, wenn Helmut Poller, ein ausgezeichneter Tantra-Experte, zu der Einsicht kommt: "Die Übertragung der tantrischen Lehren steckt im Westen trotz scheinbar großer Zahlen von Übenden in den Kinderschuhen, was man auch daraus ersehen kann, dass es nach dreißig Jahren Vajrayana in Europa und USA keine zehn Europäer und Amerikaner gibt, die diese Lehren völlig gemeistert und verwirklicht haben." Was das erotisch-therapeutische Tantra betrifft, herrschen unter dessen Anhänger/innen häufig große Vorurteile gegenüber dem ursprünglichen spirituellen Tantra. Das größte Vorurteil kommt wohl daher, dass der sexuelle Aspekt im ursprünglichen Tantra nur eine untergeordnete Rolle spielt. In traditionellen buddhistischen Gruppen werden oft Gottheiten visualisiert, Mantras rezitiert und ähnliches mehr, aber es findet weder Körperarbeit noch psychologische Arbeit statt und schon gar nicht Paarübungen, die typischerweise schon in Basisseminaren des erotisch-therapeutischen Tantra stattfinden. Aus der Perspektive von Übenden des erotisch-therapeutischen Tantra sieht das buddhistische Tantra dagegen so ganz und gar nicht aus wie Tantra. Das ist aber ein Irrtum, der damit zusammenhängt, dass buddhistisches Tantra ein äußerst tiefgründiger und komplexer Stufenweg ist. Im allgemeinen ist bei vielen Traditionen eine langjährige vorbereitende Schulung erforderlich, bevor in Praktiken eingeführt wird, die sexuelle Vereinigung beinhalten. Diese Praktiken werden nach wie vor sehr geheim gehalten, man erfährt darüber fast nichts aus Büchern, zumindest nichts, was man praktisch anwenden kann. In typischen buddhistischen Gruppen weiß man darüber oft nichts oder verweist darauf, dass derlei nur für weit Fortgeschrittene in Frage kommt. Viele Gruppen betreiben ausschließlich die unteren und mittleren Stufen dieses Stufenweges, die Praxis der sexuellen Vereinigung gehört aber in allen Linien zur höchsten Tantra-Stufe, dem sogenannten Anuttara-Tantra. Es ist immer zu bedenken, das buddhistisches Tantra eine anspruchsvolle Geheimlehre darstellt, die auch in den Ländern ihrer größten Verbreitung, z. B. in Tibet, nur von einem sehr kleinen Prozentsatz der Bevölkerung praktiziert wird. In Tibet sieht man zwar in jedem Kloster Abbildungen und Statuen von den auch im Westen mittlerweile sehr beliebten Buddhas in sexueller Vereinigung, doch über die eigentliche Praxis, die hinter diesen Bildern steht, weiß der typische Tibeter genau soviel wie der typische Westler, nämlich sehr wenig. (siehe: ratna.info) Tantra beruht auf der Shiva-Shakti- Philosophie, wobei Shiva für reines Bewusstsein steht und Shakti für die kosmische, schöpferische Energie, die sich in allem Manifesten, in der ganzen Schöpfung ausdrückt. Ziel ist es, diese Shakti wieder zurückzuführen, symbolisch mit Shiva zu vereinen, dem reinen Bewusstsein und so zum Zustand des reinen Seins zurückzukehren. Im weissen Tantra, der von jeder sexuellen Vereinigung absieht, macht man das zum Beispiel mittels Atem- und Konzentrationsübungen. Im roten Tantra soll über die körperliche Vereinigung eine transzendentale Einheit erfahren und verwirklicht werden. Geschlechtsverkehr wird im roten Tantra als spirituelle Praxis verstanden. Das Ziel ist, dass die sexuelle Energie im Geschlechtsverkehr nicht verloren geht, sondern bewahrt und umgewandelt wird. Dafür gibt es bestimmte Atemtechniken, Mudras und Mantras und Methoden, die sexuelle Energie (Kundalini) vom Basischakra über die Wirbelsäule zum Kronenchakra hinaufzuleiten (siehe: PC-Muskel-Training). Der Mann lässt es dabei nicht zur Ejakulation kommen, und auch die Frau zieht die Energien nach oben. Klassische Yogis bezweifeln jedoch, dass allein durch rot-tantrische Sexualität ein dauerhafter spiritueller Fortschritt erzielt wird. Der ursprünglichere südliche Buddhismus, der Theravada, sieht den buddhistischen Tantrismus (Vajrayana) als ernsthafte Verfälschungen der Lehre Buddhas an. Swami Chidananda, ein Schüler Swami Sivanandas, sagte: Ich glaube nicht, dass die tantrischen Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten. Warum? Weil die Menschen schwach und beeinflussbar sind. Der menschliche Geist ist so beschaffen, dass er immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Er möchte immer den leichtesten Weg beschreiten. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass Tantra früher einmal in Indien ein authentischer Pfad war, speziell im östlichen Teil. Es gibt ihn auch jetzt noch. Aber er wurde
grob verzerrt. Die Menschen verfingen sich darin. Sie sagten, sie
würden Tantra praktizieren, aber es war nichts anderes als Wein,
Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte sie
nirgendwohin. Die Methode wurde damals von erleuchteten Menschen auch
der "pervertierte Pfad" genannt. Es entstanden zwei Wege: der
authentische Pfad, er wurde der "rechtshändige Pfad" genannt, und
der pervertierte Pfad, bei dem es nur um den Genuss ging. Er wurde der
"linkshändige Pfad" genannt. Und darum erreicht nur einer unter
Millionen auf dem tantrischen Weg das Ziel der Erleuchtung. Top
Was sagte Buddha zur Enthaltsamkeit? Top
Antwort: Ich würde mir wünschen, dass wir alle mit dem Buddha zusammensitzen und mit ihm diese Fragen erörtern könnten! Frage: Es ist eine Tatsache, an der niemand vorbeigehen kann, der sich heutzutage für Buddhismus interessiert, dass der Buddha ein Mönch war und eine klösterliche Tradition begründet hat; und diese Tradition ist es auch, für deren Verbreitung im Westen Sie selbst so viel Zeit und Energie investiert haben. Warum war dem Buddha das Zölibat so wichtig? Warum glaubte er, dass es eine so große Bedeutung hat? Antwort: Weil Menschen, die Befreiung von dem Leiden finden möchten, bestimmte Prinzipien beachten müssen. In der Tat ist das Zölibat unerläßlich für Menschen, die ein klösterliches Leben zu führen wünschen. Denn wenn sie auf alle mögliche Art sexuell aktiv sind, unterscheiden sie sich nicht von Laien, die in den verschiedensten Problemen stecken, die auf die Sexualität zurückzuführen sind. Und ein Mensch, der sich für ein klösterliches Leben interessiert, strebt auch nach einem sehr einfachen Leben - das ist Sinn und Zweck aller monastischen (mönchischer) Traditionen -, denn letztlich können wir einzig und allein dadurch, dass wir uns von Habgier, Lust und Verlangen befreien, Befreiung vom Leiden finden. Sehen Sie, wenn wir die Absicht haben, unser Leiden loszuwerden, dann müssen wir die Ursache des Leidens beseitigen, und Lust ist eindeutig die Ursache des Leidens. Wer also ein monastisches Leben zu führen wünscht, muss sie beseitigen, um so zu leben, dass er die Wurzeln der Begierde nicht weiter nährt. Frage: Wäre es also richtig zu sagen, dass es für einen Menschen, der kein monastisches Leben lebt, also für einen Laien, sehr viel schwieriger oder sogar unmöglich wäre, das zu tun? Antwort: Auch Laien müssen einer Disziplin im Leben folgen; sie müssen eine gewisse Beherrschung üben. Deshalb gibt es auch Vorschriften für Laien; aber normale Laien müssen nicht enthaltsam sein. Laien können bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen - wir nennen sie "Mitfließende" oder "Einmal-Wiederkehrende" - , bevor sie für sich selbst erkennen, dass sexuelle Aktivität unausweichlich Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt. Laien können sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen, wir nennen sie "Nie-Zurückkehrende". Aber sobald sie einmal diese Stufe erreicht haben, werden sie selbst aus ihrer eigenen Erkenntnis heraus entscheiden, dass eine Verstrickung in Sexualität den Fortschritt in ihrer spirituellen Praxis blockiert, und sobald sie das erkennen, werden sie ganz freiwillig aufhören, sexuell aktiv zu sein. Wie Sie sehen, ist Zölibat also nicht etwas, das mit Zwang oder durch ein Gebot auferlegt werden kann. Frage: Könnten Sie etwas genauer beschreiben, warum Sexualität an sich transzendiert werden muss, damit Fortschritte auf dem spirituellen Weg gemacht werden können? Antwort: Weil der Geist in Unordnung, getrübt und verwirrt ist, solange man sich damit beschäftigt, und weil man sich in Eifersucht, Furcht, Hass, Spannung usw. verstrickt - in all diesen Problemen, die aus der Lust entstehen. Wenn man also von alldem befreit werden möchte, muss zuerst die Lust beseitigt werden. Nun gefällt vielen Menschen das Wort "beseitigen" nicht; manche bevorzugen Worte wie "transzendieren" oder "transformieren". "Klar", sagen sie, "man kann ,Lust' in ,Nicht-Lust' transformieren!" Frage: Und wo ist der Unterschied zwischen "transzendieren" und "beseitigen"? Antwort: Einige Begriffe kommen der eigentlichen Bedeutung etwas näher, und andere könnte man euphemistisch nennen, also Begriffe, die nicht so negativ sind. Diese Leute sagen lieber "transzendieren" oder "transformieren" als "beseitigen", weil sie Worte brauchen, die eine Zuckerglasur haben und ihnen deshalb vom Gefühl her angenehmer sind. Frage: Aber worüber wir wirklich sprechen, ist das Beseitigen der Lust? Antwort: Richtig. Aber wenn man "beseitigen" sagt, dann ist das so stark, so negativ, dass sich die Leute fragen: "Wie kann ich etwas beseitigen?" Wenn man aber sagt: "Transformieren wir es in etwas anderes", dann können sie damit etwas anfangen. Frage: Wurde in der Lehre des Buddha die Sexualität als von Grund auf negativ angesehen? Antwort: Der Buddha lehrte, dass solange der Mensch sexuell aktiv ist, er kein Interesse an der Praxis des spirituellen Lebens hat; die beiden Dinge passen einfach nicht zueinander. Aber in seiner Lehre über die schrittweise Erleuchtung sagte er auch, dass das Empfinden von Lust und Sexualität Genuss beinhaltet. Er verleugnete den Genuss nicht. Genuss ist dabei. Aber, sehen Sie, dann verändert sich dieses Vergnügen in Missvergnügen, und allmählich, langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt hat, beginnen die Menschen zu kämpfen. Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust erwächst Habgier; aus Lust erwachsen Eifersucht, Zorn, Hass, Verwirrung und Kampf; all diese negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb sind all diese negativen Dinge in der Lust beinhaltet. Und, wissen Sie, wenn wir das sehen möchten, dann brauchen wir gar nicht we |